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«Ich hatte ja sonst nichts zu tun»: Appenzellerin macht mit 77 Jahren den Doktor

Trudi Schmid aus Trogen hat ihre Doktorarbeit geschrieben – im Alter von 77 Jahren. Stolz sei sie auf diese Leistung jedoch nicht. Nun plant die Rentnerin, die Museen dieser Welt zu besuchen.
Astrid Zysset
Trudi Schmid hält ihre Doktorarbeit in den Händen. An dieser hat sie vier Jahre lang gearbeitet. (Bild: Astrid Zysset)

Trudi Schmid hält ihre Doktorarbeit in den Händen. An dieser hat sie vier Jahre lang gearbeitet. (Bild: Astrid Zysset)

Noch ist es zu früh. Der Doktortitel wurde bislang nicht offiziell verliehen. Erst mit Erhalt des Abschlusszeugnisses erlangt Trudi Schmid aus Trogen die Doktorwürde. «Aber das, was jetzt noch aussteht, ist lediglich eine Formalität», sagt die 77-Jährige und lächelt.

Die mündlichen Prüfungen sind bestanden und ihre schriftliche Abhandlung zur Schweizer Kriegsnothilfe im Ersten Weltkrieg ist im Dezember im Wiener Böhlau Verlag erschienen. Schmid war selbst zur Niederlassung nach Köln gereist und hatte ihr Manuskript vorbeigebracht. «Ich wollte wissen, wo mein ‹Kind› hinkommt», sagt sie.

Vier Jahre lang hatte sie am Buch gearbeitet. Eigentlich eine kurze Zeit, um eine Doktorarbeit zu schreiben. Die Trognerin meint achselzuckend:

«Ich hatte ja sonst nichts zu tun. Andere müssen einer Arbeit nachgehen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Ich nicht. Ich hatte Zeit.»

Wortwörtlich hatte Trudi Schmid Zeit. Eine Kartonuhr hatte sie in ihrem Arbeitszimmer aufgehängt – ihren Zeitplan. 300 Seiten sollte ihre Doktorarbeit umfassen. Waren 4,5 Seiten geschrieben, stellte Schmid die Uhr eine Minute vor. Trotzdem: Es brauchte viel Selbstdisziplin. Diese an den Tag zu legen, damit hatte Trudi Schmid nie Probleme. «Ich hatte während meiner ganzen Uni-Zeit immer Freude an dem, was ich tat. Wenn es ein ‹Müssen› gewesen wäre, hätte ich es wohl nicht durchgezogen.»

Nicht stolz auf ihre Leistung

Gab es nie einen Moment, in dem sie zweifelte? «Doch», sagt die 77-Jährige. Nachdem sie die Einleitung bei ihrer Professorin eingereicht hatte, kam diese mit etlichen Beanstandungen zurück. Für Trudi Schmid ein ernüchternder Moment:

«Ich dachte, wenn ich hier am Anfang schon scheitere, sollte ich es bleiben lassen. Aber mir wurde versichert, dass die Einleitung das Schwierigste sei.»

Den Doktortitel verliehen zu bekommen, fühlt sich weniger besonders an, als ursprünglich gedacht, findet die Rentnerin. Stolz sei sie auf ihre Leistung ohnehin nicht. Aber dankbar. Dankbar, dass alles glatt ging. Dafür, dass sie «gesundheitlich dazu in der Lage war und im privaten Umfeld nichts passierte, was sie aus der Bahn geworfen hätte.» Das sei nicht selbstverständlich.

Den allfälligen Vorwurf, sie habe einen Studienplatz belegt, und diese Investition komme nun weder der Forschung noch der Arbeitswelt zugute, lässt sie nicht gelten. «Ich habe kein schlechtes Gewissen.» Das nun vorliegende Buch sei der «Zahltag für ihre harte Arbeit». Sie habe vier Jahre gratis an diesem Werk gearbeitet, wovon nun die Allgemeinheit profitieren kann. Negative Reaktionen auf ihr Studium habe sie ohnehin nie erleben müssen. Auch ihre Familie fand es eine gute Idee.

«Es ging auch mit Pendeln»

Trudi Schmid ist verwitwet und lebt zusammen mit einem ihrer drei Söhne in einem Appenzeller Haus an der Dorfgrenze zu Trogen. Bis zu ihrer Pensionierung hatte sie als Korrektorin gearbeitet und sich dabei viel Halbwissen, wie sie es empfand, angeeignet. «Ich wollte mir eine fundierte Allgemeinbildung zulegen», so Schmid. Kurzerhand schrieb sie sich an der Interstaatliche Maturitätsschule (ISME) in St. Gallen ein, 2007 hielt sie ihr Maturitätszeugnis in der Hand. Ein Lehrer ermutigte sie, sich an der Universität Zürich einzuschreiben. «Ich dachte, ich müsste dort ein Zimmer mieten oder in eine WG ziehen. Das wollte ich jedoch auf keinen Fall und lehnte darum zuerst ab. Aber es ging ja auch mit Pendeln.»

Schmid entschied sich für das Studium der allgemeinen Geschichte. «Ich wollte einen Studiengang, bei welchem ich keinen Arbeitsplatz, wie es beispielsweise in der Chemie der Fall ist, belegen musste. Ich wollte den Jüngeren, die später in die Arbeitswelt müssen, keinen Platz wegnehmen.» 2011 folgte der Bachelor-, 2014 der Master-Abschluss, und heute liegt ihre Doktorarbeit vor.

Die neu erschlossene Welt entdecken

Welches sind nun ihre nächsten Pläne? Vorerst ist Trudi Schmid an der Universität noch eingeschrieben, besucht weiter Vorlesungen. Weiter will sie all die Museen besuchen, von welchen sie während des Studiums immer wieder hörte. «Mit dem gewonnenen Wissen hat sich für mich eine neue Welt erschlossen. Die will ich jetzt entdecken.» Bei den Reisen wird es möglicherweise aber nicht bleiben. «Vielleicht werde ich dann doch mal noch den einen oder anderen geschichtlichen Beitrag veröffentlichen», sagt Schmid und lächelt.

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