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Horror im Kinderheim

Prügel, Dunkelkammer, Essensentzug: Der Alltag im Kinderheim Steig bei Appenzell war alles andere als rosig. Zeitweise kam es zu sexuellen Übergriffen. Täter wurden nie belangt. Die traurige Geschichte des Heims wurde nun aufgearbeitet.
Roman Hertler
Kaum jemand wusste damals, was die Kinder in der Steig alles erdulden mussten. Heute brechen einige Betroffene das Schweigen. (Bild: Müller-Bachmann (Appenzell, um 1910))

Kaum jemand wusste damals, was die Kinder in der Steig alles erdulden mussten. Heute brechen einige Betroffene das Schweigen. (Bild: Müller-Bachmann (Appenzell, um 1910))

Roman Hertler

roman.hertler@tagblatt.ch

Es sei oft Blut geflossen, erzählt Ernst Koller, der im Kinderheim Steig etwas ausserhalb von Appenzell aufgewachsen ist. Allzu oft hat er am eigenen Leib erfahren, mit welchem Zorn die Ingenbohler Ordensschwestern oder der Knecht auf die Kinder losgegangen seien. Essensentzug, Schläge aufs Maul bis die Lippen platzten, mit dem Teppichklopfer aufs Gesäss bis es blutete. Stundenlang auf Holzscheiten oder Treppenstufen knien; tagelang in der Dunkelkammer ausharren. Bettnässer wurden unter Wasser getaucht. Je länger der aufgeweckte Ernst Koller, heute Pensionär und mehrfacher Grossvater, aus seiner Kindheit berichtet, und dabei auch schöne Erinnerungen nicht auslässt, desto brüchiger wird seine Stimme, bis sie ihm schliesslich versagt und Tränen fliessen.

Behörden und Bevölkerung haben weggeschaut

Auch das Publikum ist ergriffen ob der Grausamkeit, der die Heimkinder ausgesetzt waren und die sich kaum in Worte fassen lässt. Zwei Historiker, Urs Hafner und Mirjam Janett, haben sich dieser Aufgabe trotzdem angenommen und im Auftrag der Innerrhoder Regierung die Geschehnisse in der «Stääg» von 1945 bis zur Umnutzung des Gebäudes 1984 aufgearbeitet. Ernst Koller erlebte die «schlimmen Jahre» in der Steig: Von 1950 bis 1955 führte eine besonders strenge Oberin das Heim mit harter Hand. Ihre Nachfolgerin musste einigen Kindern wie eine Erlösung erschienen sein. Vergangenen Samstag, als sich mehrere ehemalige Heimkinder, Ordensschwestern und Behördenvertreter zum gegenseitigen Austausch in Appenzell trafen, sprach jemand von der «Super-Schwester».

Für die historische Aufarbeitung des Kinderheimbetriebs haben die Autoren 20 Personen interviewt: Zehn ehemalige Heimkinder, vier Ordensschwestern und einer Provinzrätin von Ingenbohl sowie fünf Personen, die mit den «Steiglern» zur Schule gegangen waren. Die Heimkinder galten als Aussenseiter und wurden von den anderen Kindern gehänselt und als «Staatsfresser» verschrien.

Landammann Daniel Fässler, aufgewachsen in Appenzell, erinnert sich an die elterliche Drohung «Du chonsch etz denn id Stääg usi», wenn etwas vorgefallen war, das den Erwachsenen inakzeptabel erschien. Eine Drohung, die ihre Wirkung nicht verfehlte, auch wenn die Öffentlichkeit wohl nicht wusste – oder nicht wissen wollte –, was im Innern des Heims alles vor sich ging. Auch die Behörden schauten lange Zeit weg und reagierten kaum auf Beschwerden besorgter Elternteile, die von den Misshandlungen erfahren hatten. Die Steig war kein Waisenhaus, sondern ein Kinderheim, in das Kinder im Zuge staatlicher Zwangsmassnahmen verbracht wurden, wenn die Behörden der Ansicht waren, dass sie zu Hause nicht «anständig» versorgt würden. Der Historiker Urs Hafner attestiert den damaligen Behörden moralisches Versagen. «Auch wenn die Regierung kein materielles Recht verletzt hat, so hat sie doch ihre Aufsichts- und Fürsorgepflicht verletzt.» Das Gebäude wurde lange vernachlässigt und nur zögerlich renoviert. Die Ordensschwestern waren teilweise nur zu dritt für die Pflege von über 50 Klein- und Schulkindern zuständig. Öffentliche Gelder gab es kaum. Die Buben mussten sich an den Arbeiten auf dem Hof, der bis 1967 dem Heim angeschlossen war, beteiligen. In den Sommerferien wurden für die Konservenfabrik in Bischofszell Bohnen und Rüebli verarbeitet. Hinzu kamen immer wieder die Bestrafungsexzesse der Ordensschwestern und des Hofknechts, deren Schwere im Verlauf der Jahrzehnte aber abnahm.

Im Bericht ist auch von sexuellen Übergriffen die Rede. Um 1970 sei ein Mädchen von einem der Ehemaligen, die oft zu Besuch kamen, vergewaltigt worden. Eine andere Interviewte beschreibt, wie ihr ältere Heimbuben oder Ehemalige immer wieder unter den Rock griffen. Eine weitere Frau berichtet, ihre beiden Brüder seien von den Ordensschwestern missbraucht worden. Sie hätten die Buben «ins Bett genommen und auf Deutsch gesagt den Kopf runtergedrückt». Ob es wirklich dazu gekommen war, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Aktenkundig ist einzig, dass in den 1950er-Jahren der Heimverwalter mehreren Mädchen an die Brüste und «die Beine hinauf» gegriffen und gesagt habe, «Herrschaft ist dein Herzli gwachsen». Der Beschuldigte stritt alles ab. Trotzdem sahen sich die Behörden aufgrund der Häufung solcher Anschuldigungen gezwungen, dem Verwalter die Kündigung nahezulegen. Doch aufgrund der «leichten Natur» der Vergehen und seines Alters, 70 Jahre, sah man von einer gerichtlichen Verhandlung ab.

Auch für damalige Verhältnisse äusserst harte Methoden

Die Verfasser des Berichts verweisen darauf, dass sie nicht die «einzig wahre Geschichte» des Kinderheims Steig schreiben könnten. Dazu seien die Erinnerungen der ehemaligen Insassen zu unterschiedlich – sie widersprächen sich teilweise. Insbesondere spätere Jahrgänge erzählen von geselligen Ehemaligentreffen, bei denen auch mit Augenzwinkern an Kissenschlachten und Streiche erinnert werde. Auch Positives habe seinen Platz; nicht alle Schwestern waren per se böse. Hauptaufgabe des Berichts ist aber die Aufarbeitung und öffentliche Anerkennung dessen, was den Kindern in der Steig widerfahren ist, insbesondere in den 1950er-Jahren, als die Bestrafungsmethoden der Schwestern und des Knechts selbst das Mass zeitgenössischer Akzeptanz überschritten.

Der vollständige Bericht ist im Internet aufgeschaltet (www.ai.ch/bericht-steig) oder kann als Broschüre gratis bei der Ratskanzlei Appenzell Innerrhoden bezogen werden.

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