Das Kunstprojekt «Miin Ort» von H. R. Fricker ist Thema einer Doktorarbeit

Das Kunstprojekt des Trogners H.R.Fricker stellt Bewohner des Alters- und Pflegezentrums Appenzell in den Mittelpunkt. Nun wird ein Buch wider das Vergessen daraus.

Charlotte Kehl
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H.R. Fricker mit Ehefrau Verena vor einer «Miiin-Ort-Tafel» im Alters- und Pflegezentrum in Appenzell.

H.R. Fricker mit Ehefrau Verena vor einer «Miiin-Ort-Tafel» im Alters- und Pflegezentrum in Appenzell.

(Bild: APZ)

Publicity ist nie die Motivation für H.R. Frickers Arbeiten. Dennoch erhält er sie öfters – diesmal in Form einer Dissertation über sich und unter anderem über sein Projekt im Alters- und Pflegezentrum APZ in Appenzell. Verfasst wurde die Doktorarbeit von Christiane Hoefert, an der Universität Zürich. Die Arbeit trägt den langen Titel: «Rollenflexibilität und Demokratisierung in der Kunst: Der Konzeptkünstler, Mail-Artist und Networker H.R.Fricker». Nun wird ein Buch daraus.

65 Tafeln mit Lieblingsorten

Seit Fricker den Projektwettbewerb Kunst am Bau der Innerrhoder Kunststiftung vor vier Jahren gewann, sind im Alters- und Pflegezentrum APZ in Appenzell 65 Tafeln entstanden. Es sind Fotografien von Orten, die für die jeweilige Bewohnerin oder den Bewohner eine besondere Bedeutung haben. Sie hängen im Grossformat vor dem entsprechenden Zimmer. Oft sind es Landschaftsbilder der Umgebung, eine bestimmte Kapelle, der Seealpsee, oder für Albert Boxler ist es der «Aescher». Obwohl beruflich lange Zeit in Basel tätig, zog es Boxler immer wieder in den Alpstein, wo er sich seit seiner Jugend gut auskennt. Im Berggasthof Aescher war er öfters mit seiner Familie in den Ferien.

Verena und Hans Ruedi Fricker sind für Aufnahmen oft weit gereist: nach Meran, an den Titisee und weil es für Toni Fässler-Dörig wichtig war, nach Nyon. Dort sei Toni nach dem frühen Tod des Vaters bei der Gotte aufgewachsen, als 18-Jähriger aber ins Appenzellerland zurückgekehrt.

Berührende Gespräche

«Mit Menschen über ‹Miin Ort› zu reden ist ein guter Einstieg, mehr über ihre Lebensgeschichten zu erfahren», erzählt Hans Ruedi Fricker. «Vreni, meine Frau begleitet mich dabei – sie kann das eher besser als ich», gesteht der Künstler.

Reduziert auf wenige Sätze kommt die Geschichte auf die Tafel, sowie ein Porträtbild der Person. Manchmal ergibt das sehr wenig Text – wenn der Mensch nicht mehr sprechen kann, keine Angehörigen da sind und sogar die Akten nicht viel hergeben. «Das ist dann etwas traurig», sinniert Fricker.

Die Bilder sind auch abwechselnd auf dem Bildschirm im Foyer des Zentrums zu sehen. «Besucher stehen häufig davor», bestätigt Heimleiterin Gordana Pavlovic. «Sie sind ein ergiebiger Gesprächsstoff untereinander oder mit Fremden. Sogar andere Heime haben sich für das Projekt interessiert», sagt sie. Pavlovic imponiert vor allem der Respekt und die Wertschätzung, welche die Frickers den Menschen entgegenbringen. Vor dem Raum der Stille werden die Porträts der Verstorbenen ausgestellt. Das hilft gegen das Vergessen.

Projekt weiterentwickelt

Die Grundidee zur Arbeit stammt von einem anderen von Frickers Projekten. Im «Museum für Lebensgeschichten» in Speicher, 2006 von ihm im Alterszentrum Hof als Kunst am Bau gegründet, wurden die Geschichten der Bewohner anfänglich von einer Biografiearbeiterin begleitet. Wegen zu hoher Kosten wurde diese Porträtserie gestoppt und H.R. Fricker entwickelte und erprobte in Speicher die «günstigere» Miin-Ort-Idee. Für das APZ Appenzell wurde das Projekt weiterentwickelt und angepasst.

Auch wenn einige Bewohner diese Aufmerksamkeit auf ihre Person zuerst nicht möchten – sie hätte ja nichts Besonderes geleistet, findet Maria Rempfler, ausser zwölf Kinder grossziehen, täglich bis spät werken auf dem Hof und hin und wieder den Blick schweifen lassen – freut es sie am Ende doch.

Grenzen auflösen

Durch die Arbeit von Christiane Hoefert erfährt H.R. Fricker nun breite internationale Anerkennung, aber nicht nur für sein Projekt im «APZ». «Mit seinem Beitritt in die Mail-Art-Szene in den 1980er-Jahren sei er Mitglied einer Gemeinschaft geworden, die in multimedialem und kreativem Austausch versuchte, Grenzen aufzulösen und gleichsam im Protest gegen den tradierten Kunsthandel und das Kunstsystem eine Alternative aufzuzeigen», schreibt Hoefert im Vorwort ihres Buches. «Nachdem sich der Schweizer Künstler 1981 dem internationalen Netzwerk der Mail-Art angeschlossen hatte, lancierte er ab 1984 mit seinem dort praktizierten ‹Tourism› eine Weiterentwicklung von Mail-Art-Veränderungen im Netz», ist weiter zu lesen.

Fricker organisierte 1986 den ersten dezentralisierten Mail-Art-Kongress. Weltweit nahmen daran rund 500 Künstler aus 20 Nationen teil. Sechs Jahre später folgte der zweite. «Seine anti-hierarchische Haltung sei wohl auch eine Erklärung für die lange ausbleibende Resonanz auf seine Kunst seitens des Kunstbetriebs», meint Hoefert.

In seiner künstlerischen Arbeit hat der Trogner Künstler stets versucht, die Menschen zum genauen Hinschauen und zur Achtsamkeit zu animieren. Kunst findet zwischen den Menschen statt, vor Ort. Mit dieser Art von Kunst sei nicht viel Geld zu machen. Bis 1993 ging er deshalb nachts immer einem «Brotjob» nach, um tagsüber seine drei Töchter hüten zu können, während seine Frau im Werkheim Neuschwendi arbeitete.

Über fehlende Anerkennung hierzulande könne er sich nicht beklagen. So durfte H.R. Fricker 2018 einen Werkbeitrag vom Kanton Appenzell Ausserrhoden entgegennehmen. Ausserdem widmete der Kunstverein St.Gallen ihm und der Mail-Art-Bewegung im Jahr 1989 eine Ausstellung, und in der Kartause Ittingen wurde unter dem Titel «Erobert die Wohnzimmer dieser Welt» 2011 und 2012 sein bis dahin gesamtes Lebenswerk reflektiert.