MICARNA: Vom «Hütedienst» zum Kinderhort

Im Kinderhort der Bazenheider Firma stammen zehn der zwölf Kinder von Mitarbeitenden. Seit Sommer 2015 wurde das Angebot professionalisiert.

Martina Signer
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Passend zur heutigen, geführten Aktivität unter dem Motto «Zoo» singen die Kinder das Krokodil-Lied. (Bilder: Martina Signer)

Passend zur heutigen, geführten Aktivität unter dem Motto «Zoo» singen die Kinder das Krokodil-Lied. (Bilder: Martina Signer)

Martina Signer

martina.signer@toggenburgmedien.ch

Welche Tür sich wohl öffnen wird, fragt sich die Frau, die beim Kinderhort der Micarna klingelt. Möglichkeiten gibt es deren zwei. Der Grund ist simpel: Der Kinderhort der Micarna erstreckt sich über zwei Wohnungen. Lachend öffnet Hortleiterin Nathalie Keller die linke Tür und ihre Begrüssungsworte während des Händeschüttelns gehen in lauten Kinderstimmen unter. Ein kleiner Junge, schätzungsweise vier Jahre alt, schlingt sofort die Arme um ein Bein der eidgenössisch diplomierten Kleinkindererzieherin und möchte gar nicht mehr loslassen.

Mitarbeiterinnen werden zu engen Bezugspersonen

Es sei nicht die erste Kita, in der sie arbeite, sagt Nathalie Keller. Aber der Bezug zu den Kindern sei in dieser Kita am familiärsten. «Was bestimmt daran liegt, dass die meisten Kinder jeden Tag von Montag bis Freitag bei uns sind», führt Nathalie Keller aus, während sie der Besucherin Raum für Raum zeigt. Viele der Mädchen und Jungen kommen im Alter von wenigen Monaten zum ersten Mal in die Kita und werden dort teilweise bis zur Mittelstufe betreut. Somit ist die Bindung zu den Mitarbeiterinnen – derzeit sind es fünf – besonders eng. «Wir müssen immer darauf achten, dass wir Sorgen und Probleme mit den Kindern nicht mit nach Hause nehmen, weil wir nebst der eigenen Familie zu wichtigen Bezugspersonen werden.»

Neues pädagogisches Konzept eingeführt

Keller leitet den Kinderhort seit dem Vorfall vor zwei Jahren, als die damalige Leiterin suspendiert wurde, weil sie unter anderem an den Haaren der Kinder gezogen haben soll. In der Zwischenzeit hat sich einiges getan. «Früher konnte man das Angebot eher als Hütedienst denn als Kinderhort bezeichnen.» Seit 2015 wird nach einem neuen pädagogischen Konzept gearbeitet und das ganze System wurde professionalisiert. Bis anhin koste die Kita die Eltern 50 Franken pro Tag. Mit der Professionalisierung dürfte dies nicht mehr möglich sein. «Was wir den Kindern hier bieten, können wir für diesen Preis nicht mehr leisten», sagt Nathalie Keller. «Wir müssen die Preise wohl nach oben anpassen.» In diesem Zusammenhang wartet der Kinderhort auf finanzielle Unterstützung der Gemeinde, um auch Plätze für einkommensschwache Eltern anbieten zu können. «Die Mitarbeitenden der Micarna könnten sich das Angebot sonst wohl nicht fünf Tage pro Woche leisten.» Und dann hätte das Unternehmen ein Problem, wie Deborah Rutz, stellvertretende Leiterin Kommunikation bei der Micarna, sagt. «Nur wenn Eltern ihre Kinder in professionellen Händen wissen, können sie auch ihrer Arbeit nachgehen.»

Zu Hause einschlafen, im Kinderhort aufwachen

Der Micarna-Kinderhort unterscheidet sich aber nicht nur im Preis von anderen Angeboten, sondern auch bezüglich der Öffnungszeiten. Während Eltern ihre Kinder in anderen Kitas meist um 6.30 bis 7 Uhr bringen können, hat der Kinderhort der Micarna bereits um 5.30 Uhr geöffnet. Das hat einen simplen Grund: Die Eltern müssen rechtzeitig zum ersten Schichtbetrieb in der Firma sein. «Viele Kinder kommen in Decken eingewickelt bei uns an und schlafen gleich wieder ein, wenn sie auf der Matratze liegen», sagt Nathalie Keller. Ist es nicht schwierig, wenn die Kinder dann später plötzlich in neuer Umgebung aufwachen? «Das denken viele. Doch die Kinder gewöhnen sich so schnell an die neue Situation, dass auch wir manchmal erstaunt sind.» Es sei auch interessant zu beobachten, welchen Einfluss die Eltern bei der Umstellung hätten. Wenn ein Elternteil Mühe habe, das Kind in andere Hände zu geben, sei die Trennung auch für das Kind unglaublich schwer.

Kita vereinfacht Integration von Ausländerkindern

Viele Kinder von Micarna-Mitarbeitenden haben einen Migrationshintergrund. Für diese biete der Besuch einer Kita noch einen weiteren, entscheidenden Vorteil. «Wenn unsere Kita-Kinder die Schule besuchen, können sie bereits gut Deutsch sprechen. Auch dann, wenn zu Hause ausschliesslich in der Muttersprache kommuniziert wird.» Das erleichtere die Integration wesentlich. Auch was den sozialen Umgang anginge, lernten die Kinder in der Kita bereits einiges. Die Aktivitäten sind, wann immer es geht, auf die Themen abgestimmt, welche die Kinder gerade beschäftigen. «Die Mädchen und Jungen freuen sich, wenn wir sie so mit einbeziehen.» Heute ist es das Thema Zoo mit brüllenden Tigern, schnappenden Krokodilen und trötenden Elefanten.