Meisterin der Integration: Wie die beliebte Zierpflanze ihren Weg ins Appenzellerland fand

Wer einen Hauch Sommer zurück will, ist in Trogen an der richtigen Adresse. Dort zeigt das Kinderdorf Pestalozzi eine Sonderausstellung zur wohl beliebtesten Zierpflanze des Appenzellerlands. Was viele nicht wissen: Die Geranien stammen ursprünglich aus Südafrika.

Smilla Bühler
Drucken
Teilen
Geranienkisten vor den Fenstern sind im Appenzellerland gern gesehen.

Geranienkisten vor den Fenstern sind im Appenzellerland gern gesehen.

Bild: PD

Von Urnäsch bis Wald schmücken im Sommer blühende Geranien die Fenstersimse der Appenzellerhäuser. So auch im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen. Dort wird der wohl beliebtesten Appenzeller Zierblume eine Sonderausstellung gewidmet. Die Besuchenden erwartet ein mit Liebe zum Detail kuratierter Raum im Besucherzentrum des Kinderdorfs, ergänzt wird die Ausstellung durch Beiträge der Primarschüler aus Trogen.

Wie es das Geranium auf die meisten Balkone und Fenstersimse der Schweizer Bevölkerung geschafft hat, ist eine erstaunliche Geschichte. Ihren Anfang nimmt sie in Südafrika – an den Hängen des Tafelberges.

Von Südafrika über Holland in alle Welt

Im 17. Jahrhundert bildete sich in den Niederlanden die nationale Handelsgesellschaft «Vereinigte Ostindische Companie» (kurz VOC). Durch ein Handelsmonopol für alle Gebiete östlich des Kaps der Guten Hoffnung, transportierten die niederländischen Schiffe fortan Güter aller Art zurück in ihre Heimat. Auf Befehl des Adels sollten ab 1670 exotische Pflanzen für die Botanischen Gärten zurück nach Holland gebracht werden. Danach geht es ganz schnell: Das Geranium wird kultiviert, gezielt gezüchtet und gelangt als Zierpflanze langsam, aber sicher in alle Welt.

In der Schweiz wird das Geranium erstmals im Jahre 1715 vom Anatom Johannes von Muralt in dessen Buch «Eydgnössischer Lust Garte» erwähnt. Ende des 19. Jahrhunderts erfreut sich die Pflanze bereits grosser Bekanntheit unter einem breiten Band der Schweizer Bevölkerung.

Bern wird zum Trendsetter

Die Stadt Bern macht es vor: Verschönerungsvereine werden gegründet, die Stadt soll farbiger und schöner gemacht werden. Da kommt das farbenfrohe Geranium wie gerufen. Die Besitzer der am schönsten dekorierten Fenster und Balkone werden an Wettbewerben prämiert, teilweise konkurrieren ganze Quartiere miteinander. Bis heute findet ausserdem seit 1937 jährlich der «Graniummärit» statt, wo die Berner ihren Geranienkönig krönen.

Marcel Henry, Leiter für Sammlungen und Ausstellungen der Pestalozzi Stiftung

Marcel Henry, Leiter für Sammlungen und Ausstellungen der Pestalozzi Stiftung

Bild: Smilla Bühler

Der Titel der Ausstellung lässt aber auch andere Gedankenspiele und Vergleiche zu. «Das Geranium – Meisterin der Migration und Integration» vermittelt dem Besucher mehr als nur den Bekanntheitsgrad einer Pflanze. Marcel Henry, Verantwortlicher Sammlung und Ausstellungen der Pestalozzi Stiftung, ist sich sicher:

«Wir können viel von dieser Blume lernen.»
Werbeplakat Eternit ca. 1959

Werbeplakat Eternit ca. 1959

Bild: Sammlung Alpines Museum der Schweiz

Zentral ist nebst dem Inhalt auch die Inszenierung selbst. Die Geschichte des Geraniums wird in vier Etappen erzählt: «Eingewandert, Eingebürgert, Verschweizert und Globalisiert». Die Schaubilder und Texte sind auf lange graue Steintafeln gedruckt, getragen werden diese von klassischen grünen Gemüsekisten. Bei den Platten handelt es sich um Faserzement, produziert werden diese von der Schweizer Firma Eternit AG. In den 1950er-Jahren befeuerte das Unternehmen den Geranienboom mit der Herstellung von Blumenkisten, die wie für das Geranium gemacht schienen.

Berner Ausstellung im Appenzellerland

Entwickelt wurde die Ausstellung vom Alpinen Museum der Schweiz. Doch wie kommt eine Berner Idee zu einer Umsetzung im Appenzeller Mittelland? Henry traf 2019 auf den Direktor des Alpinen Museums, Beat Hächler. Dieser erzählte, dass die Geraniumsausstellung zur Verfügung stehen und auf einen geeigneten Ausstellungsort warten würde. Kurz darauf war es abgemacht: Das Kinderdorf sollte im Oktober 2020 Gastgeber der Ausstellung werden.

Henry sagt: «Im März wäre eigentlich eine Fotoausstellung ins Besucherzentrum eingezogen, coronabedingt konnte diese nicht realisiert werden. Das Eröffnungsdatum der Geraniumsausstellung wurde deshalb auf August vorgezogen.» Nun ist die Sonderausstellung bis Februar 2021 für die Öffentlichkeit zugänglich.

Ein Blick in den Ausstellungsraum: Die Texte sind auf grosse Steintafeln gedruckt.

Ein Blick in den Ausstellungsraum: Die Texte sind auf grosse Steintafeln gedruckt.

Bild: Stiftung Kinderdorf Pestalozzi
Mehr zum Thema