Meine Alpenstadt der Zukunft

Der erste Gedanke, der sich in meinem nun langsam etwas erschöpften Kopf breitmachte, als ich mich auf das weiche Leder meines Stuhls im Landratsamt Sonthofen setzte, war: «Die Politiker, die haben es bequem.»

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Jana Rutarux

Jana Rutarux

Der erste Gedanke, der sich in meinem nun langsam etwas erschöpften Kopf breitmachte, als ich mich auf das weiche Leder meines Stuhls im Landratsamt Sonthofen setzte, war: «Die Politiker, die haben es bequem.»

Im Laufe der Woche hat mich die Politik vollends eingenommen. Ich dachte nur noch an Politik, sprach nur noch davon, und ja sogar in meinen Träumen debattierte ich mit den anderen Schülern um die Wette.

Die Aufregung, die ich verspürte, hatte viel weniger damit zu tun, dass sich in wenigen Minuten das wichtigste Ereignis des Youth Parliament of the Alpine Conventions (YPAC), die Generalversammlung, abspielen würde. Was mich beschäftigte, war die Eröffnungsrede für mein Komitee, in welcher ich innerhalb von drei Minuten die Aufmerksamkeit des Raumes gewinnen musste.

Ich fühlte mich unter Druck gesetzt. Zu dritt sassen wir in unserer Schweizer Delegation beisammen. Die übrigen Mitglieder waren zu diesem Zeitpunkt mehr Zuschauer als Beteiligte.

Wir Schweizer waren in der Unterzahl, aber trotzdem hat die Schweiz in der Diskussion um den Alpenraum auch etwas zu sagen, und dafür würde ich mich einsetzen müssen.

Die Debatte begann mit Zuhören. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben über mehrere Tage so intensiv und konzentriert zugehört wie hier. Man spricht Englisch, was für mich eigentlich kein Problem ist, aber die Sprache ist professionell, die Inhalte komplex, und wenn ich Argumente finden wollte, musste ich genau wissen, worum es geht.

Die Sache am Debattieren ist, dass es in unserem Falle ein Synonym für «alle gegen ein Komitee» war. Jedes Komitee setzte sich nacheinander in die Mitte des Raumes und beantwortete kritische Fragen der restlichen Delegierten. Das klingt ja ganz simpel, aber man muss sich das ganze eher wie Geier bei der Beutesuche vorstellen. Das Ziel ist es, dem Komitee unbeantwortbare Fragen zu stellen, damit ihr Konzept möglichst unrealistisch dargestellt wird.

Nach der Debatte um die Postulate des ersten Komitees wird schnell klar, welche Jungpolitiker gefährlich werden könnten. Es sind drei Slowenen, einer davon ein preisgekrönter Debattierer. Ihr Sachverständnis reicht über das der restlichen Schüler hinaus, ihre Argumente sind zerschmetternd. Doch ich weiss, die Postulate meines Komitees sind realistisch, sie sind umsetzbar, sie sind gut, und das würden wir auch allen beweisen. Nach der Hälfte und einer kurzen Pause sind wir, das Komitee für Tourismus und Freizeit, an der Reihe.

Meine Rede geht mir ohne grosse Probleme über die Lippen. Als ich mich setze, schaue ich in viele angespannte, aber auch erschöpfte Augen. Nun können Fragen gestellt werden, doch der Raum bleibt stumm. Dies würde bei mehreren unsere vier Postulate geschehen. Die Stille ist ein gutes Zeichen. Sie deutet auf die klare Formulierung unserer Ideen hin und ist eigentlich eine Zustimmung.

Doch die Stille hält nicht lange, Fragen um Fragen werden beantwortet und mein Blick fällt immer wieder zu den drei Slowenen, von welchen sich zwei nicht weiter an der Debatte um unsere Postulate beteiligen. Als wir zum Postulat zu «Verbesserung von Kulturprogrammen in Jugendzentren» kommen, werde ich angespannt. Diese Idee liegt mir besonders am Herzen, denn ich habe sie entworfen. Die Fragen halten sich jedoch in Grenzen, und ich muss meine Krallen nicht ganz so weit ausfahren, wie zunächst angenommen.

Am Ende der Generalversammlung stimmen wir für zehn Postulate, die wir realisier- und annehmbar halten; noch am selben Abend würden wir erfahren, welche gewählt wurden. Das Postulat zur Verbesserung der Kulturprogramme in Jugendzentren wird als fünfte Resolution angenommen.

Was jedoch nach dieser Debatte am meisten zählt, ist der Austausch mit den anderen Delegierten. Man gratuliert den Rednern und Komitees, es wird wertgeschätzt, was wir alle gemeinsam erarbeitet haben. Für mich war das YPAC ein unglaubliches Erlebnis. Besonders die vielen Jugendlichen werden mir in Erinnerung bleiben, und wer weiss, vielleicht werde ich einige davon noch vor dem nächsten YPAC wiedersehen.

Jana Rutarux

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