«Mein Vater wollte kein Held sein»

Der Film «Akte Grüninger» erzählt die Geschichte des Polizeihauptmanns Paul Grüninger. Seine Tochter Ruth Roduner erklärt den Menschen, warum ihr Vater Juden rettete. Sie hofft, dass die Schweiz aus ihrer Geschichte lernt.

Michael Genova
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Ruth Roduner im Cinetreff Herisau: «Ich musste die Schule aufgeben, um die Familie zu unterstützen.» (Bild: mge)

Ruth Roduner im Cinetreff Herisau: «Ich musste die Schule aufgeben, um die Familie zu unterstützen.» (Bild: mge)

HERISAU. Ruth Roduner ist in den vergangenen Wochen unermüdlich durch die Ostschweizer Kinos getourt. Auch im Herisauer Cinetreff erklärt die 92-Jährige am Freitagabend dem Kinopublikum geduldig, wer ihr Vater war. Der St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger ermöglichte während des Zweiten Weltkriegs jüdischen Flüchtlingen die Einreise in die Schweiz, als die Grenzen bereits geschlossen waren. Gleich zu Beginn sagt Roduner, was sie noch mehrere Male wiederholen wird: «Als die Flüchtlinge kamen, dachte mein Vater nicht, dass er etwas Spezielles tat. Er wollte nie ein Held sein.»

Schwierige Entscheide

Der Saal ist beinahe ausverkauft, viele sind gekommen, um einer der letzten Zeitzeuginnen zuzuhören. Yves Noël Balmer, Präsident des Vereins Cinetreff, übernimmt die Rolle des Fragestellers. Er will wissen, ob die Tochter ihren Vater im Film wiedererkannt hat. «Ich habe während des Films zeitweise vergessen, dass es nur gespielt ist», sagt Roduner. Der Film gefalle ihr, auch wenn einige Details nicht genau stimmten. Für Angehörige sei es etwas sonderbar, einen Verwandten in einem Spielfilm zu wiederzusehen.

Ihr Vater habe damals zu Hause nicht viel erzählt. «Wir wussten aber schon, dass im Rheintal etwas lief.» Ruth Roduner erzählt davon wie die Grenzwächter ihren Vater zu Hilfe riefen, damit er ihnen die Entscheidung abnahm, wenn sie Flüchtlinge an der Grenze aufgriffen. Als Polizeikommandant war er für das Flüchtlingswesen zuständig. Grüninger konnte entscheiden – und oft er entschied er sich für die jüdischen Flüchtlinge. «Wenn der Grüninger bestimmte, dass jemand bleiben durfte, war das ein definitiver Entscheid», so Roduner. In jener Zeit arbeitete ihr Vater eng mit Sidney Dreifuss, dem damaligen Büroleiter der Israelitischen Flüchtlingshilfe zusammen. Der Vater der alt Bundesrätin Ruth Dreifuss spielt im Kinofilm eine wichtige Nebenrolle.

Auch Familie litt

Im Jahre 1939 wurde Grüninger vom Dienst suspendiert, ein Jahr später verurteilte ihn das Bezirksgericht St. Gallen wegen Amtspflichtverletzung und Urkundenfälschung. Wie erlebte die Tochter die Entlassung ihres Vaters? «Es war erniedrigend für ihn», sagt Ruth Roduner. Ein junger Polizist habe ihren Vater ohne Vorwarnung daran gehindert, sein Büro zu betreten. Auch für die Familie hatte die Entlassung einschneidende Konsequenzen: Sie musste die Dienstwohnung verlassen. Roduner besuchte damals die Handelsschule in Lausanne und kam zurück nach St. Gallen. «Ich musste die Schule aufgeben, um die Familie zu unterstützen.» Paul Grüninger gelang es danach nie wieder eine feste Anstellung zu finden. Auch Roduner hatte Mühe eine Stelle zu finden. Nach unzähligen Bewerbungen fand sie Arbeit in der Textilfirma eines jüdischen Unternehmers.

Späte Genugtuung

«Ja, es war schon ein Kampf», sagt Roduner. Seine Rehabilitierung hat Paul Grüninger nicht mehr miterlebt – er starb 1972 verarmt in St. Gallen. Ruth Roduner erzählt, dass fünf Versuche, den Prozess neu aufzurollen ergebnislos blieben. «Es gab viele Ausreden.» Erst 1993 rehabilitierte die St. Galler Regierung Paul Grüninger.

Ruth Roduner ist es wichtig, dass auch junge Menschen die Geschichte kennen. Man habe noch nicht genug aus der Geschichte gelernt. Noch heute würden Flüchtlinge in der Schweiz an abgelegenen Orten untergebracht, wo sie keinen Kontakt zur Schweizer Bevölkerung hätten. «Ohne guten Grund verlässt kein Flüchtling seine Heimat», so Roduner.

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