Mein Macondo

Als kürzlich der Tod des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez bekannt wurde, haben sich viele seiner Leser wohl an Macondo erinnert. Dieses imaginäre Dorf ist der Schauplatz seines bekanntesten Romans «Hundert Jahre Einsamkeit».

Michael Genova
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Appenzeller Verlag (Bild: Michael Genova)

Appenzeller Verlag (Bild: Michael Genova)

Als kürzlich der Tod des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez bekannt wurde, haben sich viele seiner Leser wohl an Macondo erinnert. Dieses imaginäre Dorf ist der Schauplatz seines bekanntesten Romans «Hundert Jahre Einsamkeit». Es trägt Züge seines Geburtsorts Aracataca, an der Karibikküste Kolumbiens. García Márquez erzählt Aufstieg und Niedergang der Familie Buendía und schafft es, dass der Leser eintaucht in den magischen Alltag dieses fiktiven Ortes. Für viele bleibt Macondo unvergesslich, weil es für einen Sehnsuchtsort steht, den wir auch heute noch suchen.

Oft suchen wir ihn in den klingenden Namen unsere Reiseziele. Vor über zehn Jahren besuchte ich Samarkand, die ehemalige Handelsstadt an der antiken Seidenstrasse. Unvergesslich, wie ich nach der Ankunft meine Dollars in unzählige Stapel usbekischer Banknoten umtauschte und diese im zweiten Boden meiner Reisetasche vor Dieben versteckte. Oder die Rückreise im Luxuszug in die usbekische Hauptstadt Taschkent: Die Kellnerin servierte Azia Pilsener in blauen Keramiktassen. Ein anderer Ort: Beirut im Frühjahr 2004. An der von Palmen gesäumten Corniche verkauft ein Strassenhändler in der Abendsonne frische Sesamringe. Plakate erinnern an den kürzlich ermordeten ehemaligen Ministerpräsidenten Rafik Hariri.

Aber muss man verreisen, um Macondo zu finden? Jetzt ist die Zeit wieder günstig, um eine Appenzeller Version neu zu entdecken. Ich empfehle, demnächst über die Nasenlöcherroute den Säntis zu besteigen. Schon während des Aufstiegs fragt man sich, warum man in der Vergangenheit so oft die Luftseilbahn benutzte. Spätestens beim Überqueren des Blauschnees ist Macondo dann nicht mehr weit. – Im ersten Kapitel von «Hundert Jahre Einsamkeit» erinnert sich der Protagonist Oberst Aureliano Buendía an einen unvergesslichen Besuch von Zigeunern in seinem Dorf. Auf die Frage, worum es bei einem mächtigen durchsichtigen Block handle, antwortet sein Vater: «Das ist der grösste Diamant der Welt.» Ein Zigeuner verbessert: «Nein, das ist Eis.» Darauf der Vater: «Das ist die grösste Erfindung der Welt.»

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