«Mein Hobby ist meine Arbeit»

Seit August ist Teresa Kressig-Chen die neue Chorleiterin des Gospelchors Rhythm and Glory aus Neu St. Johann. Sie verfügt über internationale Erfahrungen und gibt ihr Wissen als Gesangslehrerin an Schülerinnen und Schüler sowie Erwachsene weiter.

Raffaela Arnold
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Teresa Kressig-Chen in ihrem Gesangsstudio, in dem sie ihre Schüler mit dem Klavier begleitet und Aufnahmen von ihnen macht. (Bild: Raffaela Arnold)

Teresa Kressig-Chen in ihrem Gesangsstudio, in dem sie ihre Schüler mit dem Klavier begleitet und Aufnahmen von ihnen macht. (Bild: Raffaela Arnold)

WATTWIL. Wenn es nach ihrer Musiklehrerin gegangen wäre, wäre Teresa Kressig-Chen nie selber Musiklehrerin geworden. «Als ich in der fünften Klasse war, durfte ich nicht in den Schülerchor, weil mein Niveau nicht gut genug war», sagt die gebürtige Taiwanerin. Trotzdem und vielleicht auch gerade deswegen habe sie beschlossen, Musiklehrerin zu werden. Als sie ihr Diplom in der Hand hatte, wurde sie an ihrer alten Schule angestellt – und löste ihre ehemalige Lehrerin ab.

Von der Lehrerin zum Popstar

Als sie als Musiklehrerin tätig war, wurde Teresa Kressig-Chen von einer Record Company entdeckt und durfte ihre eigene CD aufnehmen. «Genau genommen wurde ich zweimal entdeckt», klärt sie auf. Das erste Mal sagte sie jedoch ab, weil sie lieber Primarlehrerin bleiben wollte. Das zweite Mal hat sie dann zugesagt. «In Taiwan war ich ein Popstar.» Doch das Leben im Rampenlicht gefiel ihr nicht: «Ich wollte etwas Klassisches lernen.» Deshalb meldete sie sich beim Conservatorio di Santa Cecilia in Rom an, wo sie Oper studierte. Italienisch gelernt dafür habe sie in Perugia. Weil das Konservatorium jedoch keinen Masterabschluss anbot, ging sie nach Sydney, Australien, um ihren Master in Singing Performance zu machen. Dafür musste sie jedoch Englisch lernen.

In Sydney lernte sie ihren Mann kennen, mit dem sie heute in Wattwil wohnt. Dieser hat damals alles aufgegeben, um mit ihr zusammen sein zu können. Er arbeitete als Fotograf, sie unterrichtete Gesang an einem Schauspiel-College und in einer amerikanischen Schule. Sie blieben zwölf Jahre in Australien, bekamen zwei Söhne, die heute elf und 15 Jahre alt sind. «Wir in Taiwan sind jedoch sehr familienorientiert, weshalb ich wollte, dass die Kinder nicht nur in den Ferien bei ihrer Familie sein konnten», sagt Teresa Kressig-Chen. Die Eltern ihres Mannes wohnten in der Schweiz und sahen ihre Grosskinder nur selten. Die Familie zog in die Schweiz – eine neue Sprache und eine neue Kultur.

Nur wenn es um Musik geht

Deutsch zu lernen, war nicht einfach: «Ich kam mir vor wie ein Kind. Es wird hier ja doch fast nur Schweizerdeutsch geredet.» Obwohl sie heute sehr gut Hochdeutsch spricht, sucht sie im Gespräch nach Übersetzungen englischer Wörter. Mit ihrem Mann redet sie Englisch und Deutsch, mit den Kindern Chinesisch. Schweizerdeutsch verstehe sie nur, wenn es sich um ein einzelnes Thema handle, und es nicht dauernd wechsle. «Und wenn es um die Musik geht», fügt sie an. Der Wechsel von Australien in die Schweiz war nicht leicht. «Der Winter ist hier so lang und im Sommer kriege ich Heuschnupfen», sagt Teresa Kressig-Chen. Deshalb reise sie im Sommer jeweils nach Taiwan.

Nach zwei Jahren in der Schweiz bekam sie eine Stelle als Musiklehrerin in Waldkirch. Heute arbeitet sie in der Musikschule Toggenburg und leitet Chorprojekte mit Schulklassen in Wattwil und Lütisburg. «Im ersten Jahr singen die Kinder noch sehr falsch und laut. Dann denke ich immer, vielleicht habe ich auch einmal so gesungen, weshalb ich nicht in den Schülerchor durfte», schmunzelt sie. Nach einem Jahr Musikunterricht jedoch singen die Schüler schon viel besser. Dafür brauche es eine Methode. «Es ist nicht nötig, dass die Kinder immer ruhig bleiben müssen, ein bisschen Unruhe gehört auch zum Unterricht dazu», sagt sie. In der Schweiz seien die Schüler sehr brav. Und in Taiwan? «Da sind sie noch viel braver!» Bei den Asiaten sei das Singen viel stärker verankert als hier. «Während die Schweizer wandern gehen, treffen sich die Asiaten, um Karaoke zu singen.» Die Australier und Amerikaner haben mehr Selbstvertrauen, sagt sie. Das Chorprojekt verleiht den Kindern mehr Selbstvertrauen und fördert sie beim gemeinsamen Musizieren. Teresa Kressig-Chen weiss um die Einflussmacht eines Lehrers. «Ein Lehrer kann Schüler kaputt machen anstatt ihnen zu helfen.» Bei ihr habe die Kritik ihrer damaligen Musiklehrerin sie dazu angespornt, unter Beweis zu stellen, was sie kann. Sie selber möchte aber keinem Schüler sagen, er könne nicht gut singen. «Jeder kann seinen Gesang verbessern. Es gibt nur ganz wenige, die wirklich nicht singen können, weil ihre Stimmbänder nicht gesund sind.»

Die Kultur behalten

Teresa Kressig-Chen bringt ihren Schülern auch schweizerdeutsche Lieder bei. Und sie kann ein bisschen jodeln. Ihre Schüler wollen dies aber nicht lernen. «Ich sage ihnen immer, das sei ihre Kultur. Wenn nicht sie jodeln, wer dann? Diese Kultur müssen wir doch behalten», ist die Gesangslehrerin überzeugt. Seit sieben Jahren hat sie ein eigenes Gesangsstudio, in dem sie den Gesang der Schüler aufnimmt, komponiert und Arrangements macht. Auch ein Klavier und ein Schlagzeug stehen im Zimmer. «Ich kann Klavier und ein bisschen Schlagzeug spielen, aber mittlerweile hat mich mein Sohn auf dem Schlagzeug überholt», sagt Teresa Kressig-Chen. Vor kurzem hat sie den Gospelchor Rhythm and Glory aus Neu St. Johann übernommen. «Ich höre sehr gerne Gospel», sagt sie dazu. Sie sei auch selber Christin. Der Chor mit den Erwachsenen biete ihr eine Balance zu ihrer sonstigen Tätigkeit, dem Schülerunterricht. «Manchmal muss ich mich daran erinnern, dass ich mit Erwachsenen probe und nicht mit Kindern. Sonst sage ich zum Beispiel <Mädchen> anstatt <Frauen>.» Die Musik hat einen sehr hohen Stellenwert in ihrem Leben. Bei der Frage nach ihren sonstigen Hobbies muss sie sogar überlegen. «Ich koche sehr gerne. Wenn ich zwischendurch mal Zeit habe, gebe ich asiatische Kochkurse», sagt sie.

Fleissig und dankbar sein

Teresa Kressig-Chen erzählt oft ihre Geschichte. «Ich sage immer, wenn man fleissig und dankbar ist, hat jeder eine Chance. Jeder schreibt seine eigene Geschichte und ist verantwortlich dafür.» Sie höre oft von Menschen, die neu in die Schweiz kommen und reklamieren. Früher habe sie sich auch über den Wind und das kalte Wetter beklagt. «Das Wetter ändert sich aber nicht wegen mir. Ich muss mich an die Kultur anpassen und die Gegebenheiten zu schätzen wissen.»