Mein erstes Mal

Fastenkolumne

Drucken
Teilen

Langsam, aber sicher geht das Fastenexperiment in die Zielgerade. Seit 33 Tagen habe ich keine Schokolade mehr angerührt und auch noch sonst nichts Zuckerhaltiges konsumiert. Was zu Beginn schwerfiel, wurde irgendwann normal. Der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier.

So viel Enthaltsamkeit verlangt nach einem besonderen Schlusspunkt. Als Belohnung nach den Wochen der Entbehrungen möchte ich mir zum Osterfest einen Schokoladehasen gönnen. Es ist das erste Mal, das ich das mache. Ich habe zwar schon manchen Hasen zum Verschenken gekauft, aber noch nie einen für mich selber. Der Grund: Ich finde die Schokolade zu süss und zu künstlich im Geschmack. Ausserdem hege ich den Verdacht, dass die Ostertiere nichts anderes als eingeschmolzene Weihnachtsmänner sind. Auch meine Kinder mochten die Hasen nicht besonders und haben ihnen jeweils nur die Ohren abgebissen. Der Rest blieb mehr oder weniger intakt im Cellophan auf dem Nachttisch stehen. Wenn die Kinder dann im Sommerlager waren, unternahm ich jeweils eine heimliche Entsorgungsaktion.

An den ersten Fastentagen habe ich noch einen grossen Bogen um das Osterhasengestell im Laden gemacht. Zu sehr hat der Anblick von Schokolade meine Lust auf das süsse Zeugs angekurbelt. Nun bin ich entwöhnt und kann mich den Tieren gefahrlos nähern. Was ich da sehe, erstaunt mich doch einigermassen. Hatte man früher die Wahl zwischen einem simplen Sitz- oder Stehhasen in Braun oder Weiss, gestaltet sich das aktuelle Sortiment ziemlich unübersichtlich. Rund drei Dutzend Hasentypen stehen zur Wahl. Offenbar muss der Osterhase heutzutage nicht schmecken, sondern der Lebensein­stellung, den Hobbys und dem Gesundheitszustand der Beschenkten gerecht werden. Da gibt es für sportliche Kinder den Soccer- oder Biker-Rabbit. Andere tragen herzige Namen wie Pasqualino, Lampino, Timo oder Chico. Nicht fehlen darf eine Variante für Allergiker mit grossem orangen AHA-Logo drauf. An Filmhelden angelehnt sind «Joe Cowboy» und «John Rabbit» mit Seeräuber-Augenbinde. Da würde ich doch noch lieber Langzeitpirat Johnny Depp in natura anknabbern!

Das Angebot überfordert mich und ich wechsle ins Fachgeschäft. Doch – oh Schreck – während das teuerste Modell beim Grossverteiler nicht einmal auf 20 Franken zu stehen kommt, muss die Käuferin in der noblen Confiserie Sprüngli wesentlich tiefer in die Tasche greifen. Die «Edition Hasenfrau» – «Oster-Trendsetterin im bunten Frühlingskleid» –gibt’s dort für schlappe 129 Franken. Ob das bunte Hasenweib aus dem Züribiet auch wirklich besser schmeckt, wage ich zu bezweifeln. Drum lasse ich die Vernunft entscheiden und packe den politisch korrekten Fair-Trade-Hasen aus Bioschokolade vom Grossverteiler ins Körbchen.

Karin Erni