Mehr Schein als Sein

Eigentlich schadet jeglicher Verzehr von Genussmitteln den Zähnen. Aber als Genussmensch und Angestellter einer Firma in der Genussbranche, will ich nicht immer verzichten.

Emanuel Steiner
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Eigentlich schadet jeglicher Verzehr von Genussmitteln den Zähnen. Aber als Genussmensch und Angestellter einer Firma in der Genussbranche, will ich nicht immer verzichten. Aus diesem Grund folge ich halbjährlich dem Ruf des Zahnarztes, um die Ablagerungen des Tages und der lustigen Abenden zu entfernen. Neulich war es wieder so weit. Ich legte mich, wie immer mit mulmigen Gefühl, auf die Liege aus Kunstleder und fragte mich, was die hübsche Dentalhygienikerin für einen Trick anwendet, dass sie so strahlend weisse Zähne hat. Mir kam der Leitspruch in den Sinn, welcher uns im vaterländischen Dienst vom Schulkommandanten mehrmals eingetrichtert worden ist und Titel meiner Brosmete ist. Natürlich ist dieser in Bezug auf die Zahnpflege so fehl am Platz, wie eine leuchtende Banane auf der Freiheit. Um mich aber von dem schmerzlichen Geräusch des Bohr- und Putzwerkzeuges abzulenken, studierte ich diesem Spruch nach. Mir schoss durch den Kopf, dass ich eigentlich öfters in die Autowaschanlage fahre, als die Zähne fachmännisch reinigen zu lassen. Obwohl das Austauschen eines Vehikels einfacher und wahrscheinlich auch kostengünstiger ist, als das Ersetzen der Kauwerkzeuge. Aber auch im täglichen Leben begegnet man vielen Personen, welche blenden ohne dass man sich einen Sonnenbrand holt. Oder was nützt einem die teuerste Uhr, wenn man trotzdem immer zu spät kommt? Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen, aber selten etwas Besseres. Ein anderes Beispiel erlebte ich vor fast neun Jahren in Samnaun. Das Rauchverbot in öffentlichen Räumen wurde vor wenigen Monaten im Bündnerland eingeführt und wir kehrten in einem gut-bürgerlichen und richtigen «Spunten» ein. Nach dem Essen fragte mein Freund, ob er sich eine Krumme anzünden darf. Die Serviertochter verneinte und gab als Grund das neue Gesetz an. Daraufhin fragte mein Kompagnon, wieso denn der Herr zwei Tische nebenan am Rauchen sei. Sie meinte nur knapp und deutlich: Das ist der Chef, der darf das. Hoppla, ist das jetzt das Fürstentum? Der Chef ist der Fürst und wir sind Dumm? Es sind eben nicht alle Menschen alle gleich. Ein paar sind gleicher.