Mehr als nur Wollsocken

Für ihre Maturaarbeit setzte sich Linda Andermatt ein Jahr lang intensiv mit dem Stricken auseinander. Richtig gepackt hat sie das «Lisme» aber nicht: Die Nadeln hat sie nun erst einmal weggelegt, und ihre Kleider kauft sie lieber im Laden.

Johannes Wey
Merken
Drucken
Teilen
Linda Andermatts Maturaarbeit wird gegenwärtig in der Bibliothek Herisau ausgestellt. (Bild: jw)

Linda Andermatts Maturaarbeit wird gegenwärtig in der Bibliothek Herisau ausgestellt. (Bild: jw)

HERISAU. Stricken – Grossmütter schenken einem kratzige Pullis zu Weihnachten, Hausfrauen vertreiben sich damit beim wöchentlichen Kaffeekränzchen die Zeit, Alternative kombinieren braune Wollsocken mit Birkenstock-Sandalen. Die Herisauerin Linda Andermatt hat diese Klischees in ihrer Maturaarbeit in Theorie und Praxis widerlegt. Die 20-Jährige beschäftigte sich für die Abschlussarbeit an der Pädagogischen Maturitätsschule (PMS) Kreuzlingen während eines ganzen Jahres mit dem Thema Stricken. Ihre Maturaarbeit wird gegenwärtig zusammen mit einigen Stücken im Schaukasten der Bibliothek Herisau, wo Andermatt an den Wochenenden arbeitet, ausgestellt.

Modeschau mit Strickwaren

Das Hauptaugenmerk legte Linda Andermatt dabei darauf, eigene Stücke, von der Mütze bis hin zum Bikini, selbst zu stricken. Ihre Fingerfertigkeit mündete in über 13 Kleidungsstücke, die sie mit einer Modeschau präsentierte. Im theoretischen Teil ihrer Arbeit näherte sie sich dem Thema zudem auf 25 Seiten an, von den Anfängen des Strickens in der Antike über den Männerberuf, der sich zur Frauendomäne wandelte, bis hin zum «Urban Knitting» als letztem Schrei (siehe Kasten).

Schräge Blicke im Zug

«Bis zu meiner Maturaarbeit habe ich höchstens in der Schule, in der Handarbeit, <glismet>. Doch für mich war von Beginn weg klar, dass ich eine praktische Arbeit erstellen will», sagt Andermatt. In Gesprächen mit der Familie (ihre Grossmutter und ihre Mutter stricken häufig) fand sie dann zu ihrem Thema. Während eines ganzen Jahres strickte sie abends in ihrer WG, in den Ferien und während der Zugfahrten von Herisau nach Kreuzlingen. «Im Zug haben mich die Jungen schräg angeschaut, und auch die Älteren waren erstaunt, eine junge Frau beim Stricken zu sehen», sagt Andermatt mit einem Schmunzeln.

Die Schwester als Model

Dabei entstanden, natürlich, Mützen, Socken und Pulswärmer, aber auch eine Handtasche und eben ungewöhnliche Bikinis. «Die Anleitungen dazu hatte ich aus einer Zeitschrift – Strickzeitschriften sind verbreiteter als man denkt.» Zusätzlich zur theoretischen Arbeit und einer Dokumentation fertigte die Maturandin ein Fotobuch an, in welchem ihre Schwester und deren Freundinnen die Kleidungsstücke als Models präsentieren.

Zurück ins Appenzellerland

Dass sie bereits die Matura im pädagogischen Bereich gemacht hat, kommt Andermatt entgegen: Um Primarlehrerin zu werden, muss sie die Schulbank nun ein Jahr weniger lang drücken. Im Sommer hat sie ihr Studium an der Pädagogischen Hochschule Thurgau, ebenfalls in Kreuzlingen, aufgenommen. «Wenn meine Ausbildung fertig ist, möchte ich aber nicht im Thurgau bleiben, sondern wieder zurück ins Appenzellerland», sagt die Herisauerin.

Die «Lismete» weggelegt

Trotz ihrer Maturaarbeit ist aus Linda Andermatt keine verbissene «Lismerin» geworden – schon gar nicht im letzten halben Jahr. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich ohnehin lieber mit Büchern oder mit dem Tanzen. «Nachdem ich ein ganzes Jahr lang gestrickt habe, brauche ich nun etwas Abstand.» Doch schon bald könnte sie wieder zu den Nadeln greifen: «Ich habe noch Wolle und will mir damit eine Mütze für den Winter stricken.»