Blumen als Dankeschön: Wenn der Lieferservice der Trogner Familie Carniello der einzige Kontakt zur Aussenwelt ist

Die Carniellos tätigen in Trogen und Speicher Einkäufe und liefern diese aus. Für viele ist die Familie derzeit der einzige Sozialkontakt.

Charlotte Kehl
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Ein spezieller Moment für die Kinder und für die Kunden: die Übergabe der Einkäufe.

Ein spezieller Moment für die Kinder und für die Kunden: die Übergabe der Einkäufe.

Bild: Charlotte Kehl

Ich treffe Fabienne Carniello vor dem Spar in Trogen. Sie hat heute für drei Haushalte eingekauft – am Tag zuvor für sieben – und macht sich nun auf die Hausliefertour. Es sitzen vier Kinder im Kombi und ihr Lebenspartner am Steuer. Es geht zum ersten Kunden. Dieser wohnt etwas ausserhalb – den Ort hätte ich allein wohl nicht gefunden. Zehn Meter vor dem Haus halten wir an. Wir werden schon erwartet, von Christoph und Susanne Kehl. Man grüsst sich aus fünf Metern Entfernung. «Hallo wie geht’s?» – «Gut, danke und euch?»– «Alles klar! So lange wir noch unsere kleine Katze vom Baum retten können, sind wir fit genug.» Die beiden haben zwar noch einige Vorräte, «meine Frau füllt die Regale und den Tiefkühler im Herbst, aber langsam werden sie leer und man will ja auch mal was Frisches haben», erklärt Christoph Kehl.

Die Kinder bringen nun die Tasche mit dem Einkauf. Sie stellen sie mitten in den Hof und treten dann wieder zurück und erhalten dafür einen Topf mit Geld. «Da lege ich dann auch das Wechselgeld wieder hinein», erklärt Fabienne Carniello. «Man kann aber auch per E-Banking bezahlen.»

«Sie kommen gerne mit», sagt Fabienne Carniello über die Kinder. «So was haben sie noch nie erlebt. Sie können bei einer sinnvollen Sache mithelfen und kommen aus dem Haus.» Die Familie, das ist Vater Ernst (Carni), Ehefrau Marlis und Tochter Fabienne, haben das Projekt schon vor dem Lockdown aufgezogen. «Wir hatten die Idee gleich nach der Schulschliessung», sagt Ernst Carniello. Für ihn ist es ganz normal, dass er sich für die Gemeinschaft engagiert. Trotzdem will er nicht im Mittelpunkt stehen und schon gar nicht auf ein Foto. Und mit mir schimpfte er (zu Recht), weil ich ja auch schon über 65 Jahre alt bin, und trotzdem aus dem Haus gehe.

Jeder in der Familie hat eine Aufgabe

«Bis jetzt läuft es sehr gut», sagt Fabienne Carniello, eigentlich Kantonsschullehrerin, aus aktuellem Anlass im Distance-Teaching. «Drei bis zehn Kunden bedienen wir täglich. Wir sind schon längst ein eingespieltes Team. Meine Mutter nimmt Telefonbestellungen entgegen und mein Vater ist für die E-Mails zuständig. Wenn meine beruflichen und familiären Verpflichtungen erfüllt sind, gehe ich mit den Bestelllisten einkaufen». Hamstereinkäufe würden sie keine machen, sagt Fabienne Carniello. «Das wird auch nicht von uns verlangt», führt sie weiter aus. «Wir tätigen Einkäufe für den täglichen Grundbedarf, sowie Medikamente, oder gehen zur Post. Der Rest kann, respektive muss warten. Und wir berücksichtigen ausschliesslich Geschäfte in Trogen und Speicher.»

Fabienne Carniello investiert sicher täglich zwei bis vier Stunden, in denen sie jeden Einkauf einzeln tätigt. Zu Hause befüllt sie für jeden Kunden eine Tasche und liefert diese nachher aus. «Natürlich kann es auch mal zu Fehlern kommen. Einmal sind Rüebli irrtümlich bei der Nachbarsfamilie gelandet. Und es kam auch schon vor, dass ich ein Produkt schlicht nicht kenne, das gewünscht wurde.» Das sei jedoch kein Problem, sagt Fabienne Carniello. «Die meisten Kunden nehmen es gelassen und mit Humor und freuen sich über jede Gelegenheit für ein längeres Gespräch.» Fabienne Carniello habe aber auch schon eine alte Dame mit einem Rollator beim Einkaufen angetroffen, die eine Hauslieferung erstaunt abgelehnt habe. Vom Coronavirus habe die Frau noch nie gehört.

Es soll nett aussehen

«Das Schönste überhaupt sind die vielen, warmherzigen Begegnungen, welche die Arbeit mit sich bringt», sagt Fabienne Carniello. «Auch meine Mutter, selber über 65 Jahre alt, geniesst die täglichen Telefonkontakte. Die Menschen sind sehr dankbar für das Angebot und freuen sich auf den Besuch. Eine Kundin holt jeweils extra ihre Blumentöpfe aus dem Keller, bevor ich komme. Es solle doch nett aussehen, auch wenn sie am Abend alle wieder zurücktragen müsse, hat sie mir erklärt.»

Für viele Trogner sind die Carniellos derzeit der einzige Kontakt zur Aussenwelt, nicht wenige haben Angst und brauchen aufmunternde Worte oder erleben mit den fröhlichen Kindern ein Stück Normalität.