«Maximal 80 Schüler pro Klasse»

WATTWIL. Per Inserat sucht die Schulgemeinde Wattwil-Krinau einen Käufer für das ehemalige Schulhaus Bunt. Das Gebäude war 1865 eine Schenkung der Fabrikantenfamilie Anderegg. Begonnen hat die Schule 1804 als Privatschule. Ein Blick in ihre hindernisreiche Geschichte.

Hansruedi Kugler
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Das ehemalige Schulhaus Bunt an der Wilerstrasse 72 steht vor dem Verkauf. (Bild: Hansruedi Kugler)

Das ehemalige Schulhaus Bunt an der Wilerstrasse 72 steht vor dem Verkauf. (Bild: Hansruedi Kugler)

Still ist es geworden um das Schulhaus Bunt seit der Schliessung des Kindergartens vor zwei Jahren. Nur noch die Fussballer des FC Wattwil Bunt, die im Erdgeschoss Garderoben und Duschen benutzen, und die Mieter der 5-Zimmer-Wohnung gehen hier ein und aus. Das Schulhaus ist aber ein aus heutiger Sicht verblüffendes Beispiel für die Eigeninitiative der hiesigen Bewohner, ein Beispiel aber auch für überfüllte Klassenzimmer, für grosszügige Spenden und für den Kampf für die eigene Schule.

Jahresschule nur für wenige

«Nur dem kleinsten Teil war es vergönnt, eine Jahresschule zu besuchen. An den meisten Orten wurde im Laufe eines Jahres nur während 12, an anderen nur 8, 6 oder 3 Wochen Schule gehalten.» 1804, das ist die Zeit, über die der spätere Wattwiler Lehrer Wilhelm Pfändler hier in seiner «Geschichte der evangelischen Schule Bunt» schreibt. Es ist die Zeit, in der das Toggenburg in die beiden Kantone Linth und Säntis aufgeteilt ist. Bis zur allgemeinen Schulpflicht 1835 wird es noch dreissig Jahre dauern. Die maximale Schülerzahl pro Klasse wird dann auf 80 beschränkt. Im Bezirk Neutoggenburg beläuft sich die Gesamtzahl der Schüler von Wattwil bis Mogelsberg auf 1300. Sie besuchen in 33 Schulen den Unterricht, 26 davon waren evangelisch, 7 katholisch. Gemäss Wilhelm Pfändler gab es damals insgesamt 27 Lehrer im Bezirk Neutoggenburg. Die meisten davon wurden miserabel bezahlt, und zwar nur in den wenigen Wochen, in denen tatsächlich Unterricht stattfand.

Bildung als Wirtschaftsmotor

Wilhelm Pfändler blickt auf fast ein Jahrhundert Schulgeschichte zurück. Seine Broschüre hat er 1883 verfasst, im Auftrag des Schulrats, für die erste offizielle Schweizer Landesausstellung 1883 in Zürich. Diese sollte nämlich mehr sein als die vorangegangenen Ausstellungen, die reine Leistungsschauen der Industrie waren. «Neben der Warenpräsentation wurde 1883 dem Schulwesen als wesentliche Voraussetzung für die nationale Produktionsstärke ein wichtiger Platz eingeräumt», schreibt Georg Kreis dazu im Historischen Lexikon der Schweiz.

Der Obrigkeit getrotzt

Was heute selbstverständlich ist, musste damals erkämpft werden: Bildung als zentraler Motor für die künftig wohlhabende Schweiz. Der Blick in die Schulgeschichte des kleinen Schulhauses Bunt zeigt dies exemplarisch. Die Büntler Kinder gingen damals entweder nach Lichtensteig oder nach Wattwil zur Schule. Die eigene Schule Bunt wurde zunächst als Privatschule gegründet, finanziert von den lokalen Handwerkern und Gewerblern, darunter Bäcker Christian Ambühl, Hafner Joachim Gerig und Buchbinder Andreas Wirth. Für ihre Schule kämpfen mussten sie von Beginn weg. So wollte ihnen der kantonale Erziehungsrat zunächst verbieten, selbst einen Lehrer auszusuchen. Die Büntler sollten sich dem Willen des lokalen Pfarrers beugen, der die Wahl vornehmen sollte. Das passte ihnen aber gar nicht, sie beharrten auf ihrem Recht, den Lehrer selbst zu wählen, «da ja weder Pfarrer noch Vorgesetzte ihnen die Schulkosten bezahlen helfen werden».

Gegen den Neid des Dorfes

Der erste Lehrer, Konrad Grob, blieb lediglich zwei Jahre. Sein Nachfolger Johann Georg Rosenast unterrichtete immerhin zehn Jahre lang, bis zu seinem Tod 1815. Die Fächer: Buchstabieren, Lesen, Schreiben, Notenlesen, Singen. Dies sechs Stunden pro Tag. Rosenast war ein beliebter Lehrer, mehr und mehr Eltern vom Schmidenbach, von der Risi, von der Bühl schickten ihre Kinder in die neue Schule im Bunt. Der Schulrat im Dorf sah die Konkurrenz, die seine eigenen Mittel zu schwächen drohte, gar nicht gern. Er schickte darum Mahnbriefe an jene Eltern. Es kam zum Grenzstreit, und die «böse Angelegenheit musste beim Erziehungsrat anhängig gemacht werden». Dieser entschied mit einem Kompromiss: 30 Häuser im Berg wurden dem Schulbezirk Wattwil, 12 Häuser im Schmidenbach hingegen dem Schulbezirk Bunt zugesprochen. So hatten beide Schulkreise Frieden und genügend Schulkinder.

Phantasievolle Schulsteuern

Finanziert wurde die Schule durch den Schulhausfonds, in den alle Bewohner des Schulbezirks gemäss ihrem Vermögen einzahlen sollten, sowie einigen sehr grosszügigen Spenden. Um den Geldfluss möglichst regelmässig zu halten, wurde zudem ein ausgeklügeltes Steuersystem eingeführt: Beim Hauskauf, bei Erbschaften, beim Zuzug in den Schulbezirk, sogar bei einer Heirat wurde per Gesetz eine Abgabe zugunsten des Schulfonds erhoben. Bereits 1819 besuchten 41 Kinder die Schule Bunt. Diese Zahl stieg und stieg – so stark, dass sie für die Schulqualität zur Bedrohung wurde. Bis 1853 stieg die Zahl der Schüler auf 82, alle im selben Klassenverband – unterrichtet von einem einzigen Lehrer. Diesem wurde der Lohn erhöht, seine Lohnerhöhung konnte aber nur bezahlt werden, indem man den freien Besuch auf die Büntler beschränkte. Für die Schulkinder benachbarter Gemeinden musste nun einige Jahre lang ein Schulgeld bezahlt werden. Statt einen zusätzlichen Lehrer anzustellen, teilte man 1854 die Kinder auf die Bezirke auf: Westlich der Hauptstrasse in die Hochsteig, östlich davon in die Schule Bunt.

Andereggs schenken neue Schule

1864 schliesslich beschloss man, das Schulhaus zu bauen, das nun zum Verkauf ausgeschrieben ist. Und wiederum stand das Gebäude unter einem glücklichen Stern. Denn die Fabrikantenfamilie Anderegg beschloss, sämtliche Baukosten zu übernehmen – dies im Andenken an ihre Verstorbenen, den Nationalrat Johann Georg Anderegg sowie den Major Friedrich Anderegg. Weitere illustre Namen stehen in der Liste der Schulräte im Bunt: Raschles, Birnstiels und Heberleins waren immer engagiert im Schulbezirk Bunt. So hingen denn bei der Schulhaus-Einweihung im November 1865 die Porträts «der unvergesslichen Männer, die so vieles zum Wohle des Bezirks und der Gemeinde gewirkt hatten». Die Selbstverwaltung hielt an: Bis zur grossen Schulverschmelzung zur Schulgemeinde Wattwil 1971, in welcher auch die konfessionellen Bindungen aufgehoben wurden, verfügte die Schule Bunt über einen eigenen Schulrat. Danach dauerte es nur noch zwei Jahre, bis die Schule im Bunt aufgehoben wurde. Ab 1973 führte die neue Schulgemeinde im Bunt nur noch einen Kindergarten.

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