Mathematik als Teil des Denkens

«Mathematische Lernplätze in Wattwil und Lichtensteig» ist die neuste Ausgabe der Lernheftreihe. Von Studierenden der Pädagogischen Hochschule St. Gallen entwickelt, soll das Lernheft Sekundarschülern aus der Umgebung einen neuen Bezug zur Mathematik verschaffen.

Raffaela Arnold
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MathPlatz-Spielplatz: Den Lehrerinnen und Lehrern werden verschiedene Lösungsansätze zu einer Aufgabe im Lernheft erklärt. (Bilder: Raffaela Arnold)

MathPlatz-Spielplatz: Den Lehrerinnen und Lehrern werden verschiedene Lösungsansätze zu einer Aufgabe im Lernheft erklärt. (Bilder: Raffaela Arnold)

WATTWIL. Das neuste Heft der Lernheftreihe «Mathematische Lernplätze» wurde am Dienstagabend in Wattwil vorgestellt. Eröffnet wurde die Vernissage durch Norbert Stieger, Schulratspräsident der Schulgemeinde Wattwil-Krinau, an die das Lernheft gerichtet ist. «Für Lehrerinnen und Lehrer ist es eine tägliche Herausforderung, den Schülern Mathematik so zu eröffnen, dass sie Teil des Denkens wird», sagt Norbert Stieger. Dies ist mitunter auch das Ziel des Heftes: die Aktualität und den Alltagsbezug von Mathematik aufzeigen und die Schüler erleben lassen, dass Rechnen auch Spass machen kann.

Kreativ und authentisch

In einer besonderen Unterrichtswoche erarbeiteten Studenten des Studiengangs Sekundarstufe I der Pädagogischen Hochschule St. Gallen (PHSG) Aufgaben zu verschiedenen Themenbereichen. Anhand von zwölf sogenannten MathPlätzen entwarfen sie Problemstellungen verschiedener Schwierigkeitsgrade. Betreut wurden sie dabei durch die Dozenten Geri Rüegg und Armin Thalmann. «Aufgaben zu finden und sie so darzustellen und zu formulieren, dass sie für jedermann verständlich sind, war keine leichte Aufgabe», sagt Geri Rüegg. Kreativität war gefragt. Doch sollten es auch authentische Übungen sein, die einen Bezug zum Alltag schaffen können. «In einer Aufgabenstellung kam ursprünglich ein Banküberfall vor.

Die Schüler sollten aber nicht mit solch fiktiven Ereignissen konfrontiert werden.» Wichtig ist, den Schülerinnen und Schülern die Brauchbarkeit von Mathematik aufzuzeigen – anhand von Orten, die sie kennen. Dadurch, dass sie ein «echtes» Problem vor sich sehen und nicht bloss etwas Erfundenes auf Papier, wird die Handlungsorientiertheit gefördert. Die Planung und Durchführung des Projekts ist aber auch mit hohen Kosten verbunden. «Wir sind sehr froh, dass die Schulgemeinde Wattwil-Krinau einen grossen Teil der Kosten übernimmt», sagt Geri Rüegg. Der andere Teil der Kosten wird von der PHSG gedeckt. Ein Teil der 1500 gedruckten Exemplare geht an das Regionale Didaktische Zentrum (RDZ), über den Rest darf die Schulgemeinde frei verfügen.

Einsteigen, vertiefen, repetieren

Die Fragen enthalten verschiedene Schwierigkeitsgrade sowie unterschiedliche Themengebiete. Durch die Offenheit der Aufgaben ist es möglich, das Lernheft für mehrere Unterrichtszwecke zu verwenden. Den Lehrern ist es überlassen, ob sie die Aufgaben als Einstieg in ein Thema, als Vertiefung oder als Repetition einsetzen. Ein weiterer Vorteil der offenen Fragen sind die verschiedenen Bearbeitungsniveaus und -tiefen, die sich beliebig ausbauen lassen und jedem Lehrer freigestellt sind. Manchmal sollte jedoch auf die Gegebenheiten geachtet werden: Die Aufgabe, in der ein Schwimmer die Thur flussaufwärts schwimmen sollte, macht wenig Sinn, wenn der Wasserstand so tief ist wie an jenem Dienstag.

Den Wert erkennen

Das mittlerweile sechste Lernheft bietet den Schülerinnen und Schülern Abwechslung im Schulalltag. Die sonst nur in Lehrbüchern vertretene Mathematik soll nun als zielstiftend und anregend angesehen werden, denn die Aufgaben können nur vor Ort gelöst werden.

Inwiefern die Lehrer das Lernheft allerdings in ihren Unterricht einbringen, ist ihnen überlassen. «Viele sagen mir, dass sie schlicht und einfach keine Zeit haben, mit ihren Schülern die Aufgaben zu lösen – zusätzlich zum Lehrplanstoff. Ich aber denke, dass man sich diese Zeit einplanen kann. Man muss den Wert solcher Aufgaben erkennen», sagt Alfred Zahner, Projektleiter und pensionierter Dozent der PHSG. Eine Sekundarschülerin sagte ihm letztens, sie habe durch das Lernheft plötzlich angefangen, Mathematik spannend zu finden. Leider jedoch erst in der letzten Woche ihrer Schulzeit, da vorher die Zeit nicht dafür genutzt wurde. Die Projektbetreuer schauen dem positiv entgegen. Sehe man doch noch oft Schüler in Gossau am Brunnen stehen und mit dem Daumen etwas berechnen, sagt Geri Rüegg. Auch die Reaktionen der an der Vernissage anwesenden Lehrerinnen und Lehrer fallen nicht negativ aus, als man sie nach dem ersten Eindruck fragt: Das Heft erscheine unterhaltsam, töne spannend und «anmächelig».

Mathematik im Alltag erleben an Orten, die die Schüler kennen.

Mathematik im Alltag erleben an Orten, die die Schüler kennen.