Herisau
Gehört das Verkehrschaos beim WinWin-Markt bald der Vergangenheit an? Gemeinde hat potenziellen neuen Standort für Entsorgungsstelle gefunden

Rund zehn Tonnen Abfall werden täglich bei der Entsorgungsstelle in Herisau abgegeben. Diese stösst seit längerem an ihre Grenzen. Die Gemeinde hat Sofortmassnahmen erlassen. Auch auf der Suche nach einem neuen Standort ist sie einen Schritt weiter.

Alessia Pagani
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Die geplante neue Entsorgungsstelle soll auf dem ehemaligen Firmenareal der Alder Bau AG an der Saumstrasse realisiert werden.

Die geplante neue Entsorgungsstelle soll auf dem ehemaligen Firmenareal der Alder Bau AG an der Saumstrasse realisiert werden.

Alessia Pagani

«Es ist kein Zustand, so wie es jetzt ist.» Die Entsorgungsstelle beim WinWin-Markt in Herisau beschäftigt Gemeinderat Peter Künzle schon seit seinem Amtsantritt 2019. Künzle spricht von einer unbefriedigenden Situation. Seit Jahren steigt die abgegebene Menge an Abfall kontinuierlich an, immer mehr Personen nutzen das Angebot der Gemeinde. Heute werden pro Tag rund 100 Kunden und zehn Tonnen Abfall gezählt. Das fachgerechte Entsorgen ist in den Köpfen der Bevölkerung verankert. Doch die Medaille hat auch eine Kehrseite: Zu Stosszeiten stauen sich bei der Entsorgungsstelle die Autos auf der Kantonsstrasse. Warteschlangen sind schon fast an der Tagesordnung. Die Geduld der Bevölkerung nimmt immer mehr ab. Künzle sagt:

Gemeinderat Peter Künzle.

Gemeinderat Peter Künzle.

PD
«Die Bevölkerung reagiert mittlerweile sehr ungehalten – nicht zu Unrecht.»

Mehrfach hat die Gemeinde Sofortmassnahmen erlassen, um die Situation zu entschärfen und den Betrieb zu entlasten. Zuletzt im Sommer. Die Massnahmen konnten während des Lockdowns Entlastung schaffen, waren allerdings eine Zwischenlösung.

Vergangene Woche nun hat die Gemeinde Anpassungen beim WinWin-Markt beschlossen. Einerseits erhalten Gewerbler und Unternehmen künftig die Möglichkeit, auch ausserhalb der Öffnungszeiten anzuliefern. In gewissen Zeitfenstern – jeweils vom Mittwoch- bis Freitagvormittag – erhalten sie gegen eine Pauschale eine Art Vorzugsbehandlung und müssen nicht wie Privatpersonen in der Schlange stehen. Bedingung ist, dass eine gewisse Menge an Material angeliefert wird und dass der Besuch angemeldet ist. Weiter sollen die Stosszeiten entlastet und die weniger gut besuchten Zeiten besser ausgenutzt werden, wie Künzle erklärt:

«Es gibt immer wieder Zeitfenster, in denen noch Kapazitäten vorhanden wären. Umgekehrt sind die Spitzenzeiten massiv überlaufen.»

Um die Verteilung der Anlieferung besser zu koordinieren, ist noch eine Massnahme in Planung: Künftig soll die Bevölkerung via Webcam über das aktuelle Verkehrsaufkommen und die Verkehrssituation beim WinWin-Markt informiert werden. Spitzenzeiten lassen sich so schnell erkennen und umgehen. Die Idee dazu stammt von der Stiftung Tosam, die die Entsorgungsstelle betreibt.

Sofortmassnahmen sollen schnell Entlastung bringen

Als dritte Sofortmassnahme zur Entschärfung der unbefriedigenden Situation wurde per 1. Februar eine zusätzliche befristete Arbeitsstelle geschaffen. Der Gemeinderat hat dafür 30'000 Franken bewilligt. Die Anstellung erfolgt über die Stiftung Tosam, die Gemeinde Herisau übernimmt die Kosten für maximal sechs Monate zu höchstens 5'000 Franken pro Monat.

Die betreffende Person soll in verschiedenen Bereichen eingesetzt werden können und Verantwortung übernehmen. «Wir erwarten, dass sich dadurch die Wartezeiten bei der Anlieferung verkürzen», so Künzle. Die Stelle wurde befristet geschaffen, da sich die Situation um die Coronapandemie nicht zuletzt dank der Impfungen bis im Sommer ein wenig entschärft haben dürfte, glaubt Künzle. «Mit diesen Sofortmassnahmen erwarten wir eine schnelle Entspannung der Situation.»

Zwar besteht das Problem schon seit längerem. Die Situation habe sich aber wegen der Einschränkungen durch die Coronamassnahmen nochmals «massiv verschärft». Weil viele Mitarbeiter des WinWin-Markts der Risikogruppe angehören, wurden im Hinblick auf deren Gesundheit bereits im Frühjahr 2020 die Öffnungszeiten angepasst. Der WinWin-Markt ist seit 11. Mai am Montag geschlossen, die Anlieferungszeiten wurden verkürzt. «Die Stosszeiten wurden dafür nochmals zusätzlich belastet», so Künzle. Er verweist zudem auf die Abhängigkeiten. Nachdem auch ein privater Anbieter aus Winkeln seine Öffnungszeiten angepasst und den Betrieb am Samstag eingestellt hatte, verzeichnete die Gemeinde Herisau am Samstag einen Anstieg der Frequenzen. Künzle spricht von einem direkten Einfluss.

«Viele haben geräumt während ihrer freien Zeit. Das fachgerechte Entsorgen von Abfall zu Coronazeiten ist ein schweizweites Problem.»
Die Verkehrssituation bei der Entsorgungsstelle beim WinWin-Markt hat sich mit der Coronapandemie nochmals verschärft.

Die Verkehrssituation bei der Entsorgungsstelle beim WinWin-Markt hat sich mit der Coronapandemie nochmals verschärft.

Alessia Pagani

Von 3,6 Tonnen auf rund 8 Tonnen innert 15 Jahren

Die Entsorgungsstelle beim WinWin-Markt in Herisau wurde 2003 eröffnet und erfreut sich grosser Beliebtheit. Die abgegebene Menge an Material hat sich von rund 1074 Tonnen im Jahr 2004 auf 2398 Tonnen im 2019 mehr als verdoppelt. Pro Tag sind 2019 durchschnittlich acht Tonnen Material angeliefert worden. 2004 waren es noch rund 3,6 Tonnen täglich. «Der WinWin-Markt leidet am eigenen Erfolg», sagte der zuständige Gemeinderat Peter Künzle im Frühjahr 2020. 
Die Gemeinde hat in den vergangenen Jahren mehrmals die Öffnungszeiten angepasst, zuletzt im Mai 2020. Das Verkehrsproblem hat sich dadurch aber nicht gelöst. Im Gegenteil: Seit Einführung der Kuh-Bags Anfang 2019 sei spürbar mehr Material abgeliefert worden und die Anzahl Fahrzeuge sei nochmals angestiegen. Die Coronapandemie hat die Situation nochmals verschärft, so Künzle. Die Gemeinde rief im Sommer 2020 dazu auf, wenn immer möglich für Glas, Karton und Altmetall die offiziellen Sammelstellen aufzusuchen. Zusätzlich wurde eine temporäre Sammelstelle im Chammerholz betrieben. Die Nachfrage war allerdings eher gering.

Einen Schritt weiter ist die Gemeinde in Bezug auf die Suche nach einem neuen Standort für die Entsorgungsstelle. Geplant ist, dass diese ab 2022 im Chammerholz an der Saumstrasse betrieben wird. Die Gemeinde hat kürzlich das ehemalige Firmengelände der Alder Bau AG mit dieser Absicht übernommen. Zuvor wurde auf dem ganzen Gemeindegebiet intensiv nach einem neuen Standort gesucht. Auch eine Erweiterung am jetzigen Standort sei thematisiert, aber wegen Platzmangels wieder verworfen worden, so Künzle. «Wir sind überzeugt, mit einem möglichen Umzug ins Chammerholz den Befreiungsschlag zu schaffen.» Der Einwohnerrat wird noch über das Geschäft befinden.

Peter Künzle ist froh und erfreut, dass nun wieder Bewegung in die Thematik kommt. Der Schuh habe überall gedrückt. Dass das Thema Entsorgungsstelle ihn noch einige Weile beschäftigen wird, weiss auch er. Er sagt:

«Die wirkliche Lösung wäre, wenn wir alle weniger Abfall produzieren würden. Leider ist das nicht ganz so einfach.»