Maria als «Urbild des Glaubens»

Am 15. August feiern wir das älteste Marienfest, die Aufnahme Marias in den Himmel. Wir nennen das Fest auch «Augstheiligtag». Ein besonderer Festtag also.

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Am 15. August feiern wir das älteste Marienfest, die Aufnahme Marias in den Himmel. Wir nennen das Fest auch «Augstheiligtag». Ein besonderer Festtag also.

Viele Leute fragen sich, warum Maria so wichtig sein soll für den Glauben. Der heilige Augustinus versucht, darauf eine Antwort zu geben, wenn er sagt: «Selig ist Maria nicht deswegen, weil sie den Herrn getragen hat, sondern weil sie geglaubt hat. Ihr Glauben-Können macht sie darum so wichtig für unser Glauben-Wollen.» Deshalb spricht das II. Vatikanische Konzil von Maria als dem «Urbild des Glaubens». Maria ist für uns wie ein Stern, der uns die Richtung weist für unser Glaubensleben.

Überall, wo wir in den Evangelien Maria begegnen, ist sie die Glaubende und Vertrauende, offen für die Wege, die Gott mit ihr vorhat. Ihr Glaube hält auch in der grössten Krise stand. Bis zum Kreuz, bis an das bittere Ende steht sie zu ihrem Sohn. Sie kann glauben und vertrauen, weil sie überzeugt ist, dass sie von Gott geliebt ist, dass er sie nicht fallen lässt. Sie glaubt, dass er mit ihr auf dem Weg ist, dass sie wertvoll ist in seinen Augen. Das gibt ihr Mut und Vertrauen.

In Maria hat Gott uns gezeigt, wie wertvoll wir ihm sind, dass wir einen Auftrag haben in dieser Welt, den sonst niemand erfüllen kann. Wir brauchen keine Angst zu haben davor. Auch uns gilt das Wort des Engels: «Fürchte dich nicht, der Herr ist bei dir.»

Maria ist Vorbild für unser Glaubensleben, weil sie ganz offen war für den Anruf Gottes. Sie lässt sich auf das ein, was Gott von ihr will. Das setzt voraus, dass sie eine nach innen Hörende war und im Gespräch war mit Gott.

Die Bibel sieht den Menschen als Ganzheit und dazu berufen, mit seinem ganzen Wesen die letzte Vollendung in Gott zu finden. Dass Gott den ganzen Menschen liebt, mit Leib und Seele, bezeugt er uns an Maria, in der Aufnahme mit Leib und Seele in den Himmel. Der christliche Glaube ist überzeugt, dass Maria mit der ganzen Existenz die Vollendung erfahren darf.

C. G. Jung, der grosse Tiefenpsychologe, sagte 1950 am Tag der Verkündigung des Dogmas von der Aufnahme Marias in den Himmel zu seinen Studenten, das Dogma sei eine geniale Antwort der Kirche auf die Menschenverachtung und Wertlosigkeit des menschlichen Lebens.

Anselm Grün, der Benediktinermönch, sagt zum Fest der Aufnahme Marias in den Himmel: «Das Fest verheisst uns, dass wir mit allem, was wir erleben, heimkommen werden zu Gott. Wir werden im Tod verwandelt. Wie das geschehen wird, dafür fehlt uns jede Vorstellung. Doch wenn wir etwas nicht verstehen und es uns nicht vorstellen können, heisst das noch lange nicht, dass es diese Wirklichkeit nicht gibt.»

Auferweckung, heimkehren zu Gott, ist nicht nur auf Jesus und Maria beschränkt. Dieses Geschenk hat Gott für jeden Menschen bereit. Auferweckung ist die lebensschenkende Begegnung mit Gott, die die Grenzen von Krankheit, Schuld, Schwäche und Tod überschreitet und in eine neue Daseinsweise verwandelt.

In der Liturgie des Festtages heisst es: «Der Mächtige hat Grosses an mir getan.» (Lk. 1, 49)

Diese Aussage Marias gilt auch für mein Leben. Nicht, dass mein Leben nur glücklich und unbe- schwert verläuft, nicht dass alles so verläuft, wie ich es erhoffe und wünsche. Auch wenn ich mich im grossen Geschehen als unbedeutend erachte, mich für klein halte, oder wenn ich klein gemacht werde, darf ich trotzdem wie Maria glauben und hoffen, dass ich nie aus dem Erbarmen und der Liebe Gottes falle. Ich darf sicher sein, dass Gott wohlwollend auf mich schaut, dass ich für ihn wertvoll bin. Ich muss nichts Besonderes vorweisen, Gott tut Grosses auch an mir. So ist das Fest von der Aufnahme Marias in den Himmel schon jetzt ein Stück Himmel für mich. Schwester Caritas Hediger,

Appenzell