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Die grosse Überraschung vor Gericht: Manche Dolmetscher kennen «ihren» Fall nicht

Kaum ein Gerichtsdolmetscher hat vor der Verhandlung eine Ahnung, was auf ihn zukommt.
Margrith Widmer
Die Dolmetschenden müssen sich vor Gericht neutral verhalten und dürfen nicht Partei ergreifen. (Bild: Depositphotos)

Die Dolmetschenden müssen sich vor Gericht neutral verhalten und dürfen nicht Partei ergreifen. (Bild: Depositphotos)

Gerichtsdolmetscher üben eine anspruchsvolle Tätigkeit aus. Sie müssen über hohe Sprachkompetenz verfügen und lupenreines, druckreifes Hochdeutsch sprechen, das eins zu eins protokolliert werden kann. Oft kennen sie den Fall nicht, bei dem sie dolmetschen.

Der Anspruch auf rechtliches Gehör und der Grundsatz der Fairness des Verfahrens laut Bundesverfassung und Europäischer Menschenrechtskonvention verschaffen einer fremdsprachigen Partei das Recht, den Beizug eines Dolmetschers zu verlangen. Die Funktion der Dolmetschenden besteht ausschliesslich darin, das Gesagte des Auftraggebers (Behörde, Gericht) sowie der Partei(en) möglichst wort- und sinngetreu wiederzugeben.

Trotzdem haben Gerichtsdolmetscher in manchen Kantonen oft keine Kenntnis des Falls, bei dem sie anlässlich einer Gerichtsverhandlung übersetzen. Das bestätigt der Vizepräsident des Ausserrhoder Obergerichts, Walter Kobler. «Es gibt keine Weisungen zu diesem Thema», fügt er hinzu. Allerdings sei es erlaubt, dass Dolmetscher, die bereits während der Befragung durch den Staatsanwalt übersetzen, dies auch während der Verhandlung tun dürften.

Einführung statt Aktenstudium

Anders präsentiert sich die Situation in Innerrhoden: Es gebe zwar kein eigentliches Aktenstudium für Dolmetschende. Er gebe ihnen aber eine Zusammenfassung des Falls und bei Befragungen den deutschen Wortlaut samt Gesetzesauszügen, sagt Bezirksgerichtspräsident Caius Savary. Schliesslich müssten die Dolmetschenden auch Fachbegriffe übersetzen.

In Scheidungsverfahren komme es sehr auf das Herkunftsland der Personen an. Manchmal benötige man etwa vier Sätze in der Fremdsprache, um einen deutschen Satz zu übersetzen. Auch bei Arbeitsstreitigkeiten sei viel Fachjargon – bei Scheidungen viel Kenntnis der Kultur – im Hintergrund. Es sei eminent wichtig, dass die Dolmetschenden den Sachverhalt kennten. Bei technischen Übersetzungen sei «ungenau» oft «haarscharf daneben».

Oft müssten Dolmetschende auf Informationen bestehen, sagt Rahel Schöni vom Berufsverband Dolmetscher- und Übersetzervereinigung: «Aus eigener Erfahrung, die Kolleginnen bestätigt haben, weiss ich, dass die meisten Gerichte von sich aus keine Akteneinsicht anbieten. Es liegt an den Dolmetschenden, sich zu erkundigen und bei wirklich wichtigen Prozessen zu insistieren, dass sie vor der Verhandlung Einsicht ins Dossier erhalten. In der Regel ist es möglich, dass man vor Ort die Akten einsehen kann. Es ist ja auch im Interesse des Gerichts, dass der Dolmetscher oder die Dolmetscherin den Hintergrund der Verhandlung kennt.»

Das Zürcher Obergericht sagt folgendes zur Thematik: «Die Dolmetschenden können im Falle von Gerichtsverhandlungen nach der Anklageschrift verlangen, sofern diese nicht automatisch zugestellt wird. Diese Informationen dienen einer Vorbereitung des Dolmetschers beziehungsweise der Dolmetscherin.»

Professionelle Sprachdienstleistung

«Die Tätigkeit erfordert eine grosse psychische Belastbarkeit und die Fähigkeit, sich in jedweden Umständen und Situationen auf eine ausgesprochen gute Konzentrationsfähigkeit sowie ein ausgezeichnetes Kurzzeitgedächtnis berufen zu können, welche die Erbringung einer professionellen Sprachdienstleistung erlauben,» heisst es im Merkblatt für Dolmetscherinnen und Dolmetscher der Fachgruppe Dolmetscherwesen des Obergerichts des Kantons Zürich. Behörden- und Gerichtsdolmetscher müssen zudem über einen einwandfreien Leumund verfügen – auch in betreibungsrechtlicher Hinsicht. «Die absolute Vertrauenswürdigkeit verlangt, dass kein privater Umgang im ‹Milieu› (etwa Drogenmilieu oder Sexgewerbe) gepflegt wird», so das Merkblatt.

Die Tätigkeit zeichnet sich durch ständig wechselnde Akteure mit den verschiedensten Bildungs- und Kulturhintergründen aus. Gepflegte Umgangsformen, ein selbstbewusstes Auftreten, adäquate Kleidung und gute Abgrenzungsmethoden sind nicht nur wünschenswert, sondern unerlässlich für eine professionelle Tätigkeit.

Die Dolmetschenden haben keinerlei Interesse am Ausgang des Verfahrens; sie sind neutral und unparteiisch und verhalten sich in jeder Hinsicht nach diesem Grundsatz. Die Dolmetschenden ergreifen keine Partei, lassen ihre eigene Meinung nicht spürbar werden und zeigen keine Emotionen. Sie lassen sich weder während des Einsatzes noch davor oder danach oder in den Wartezeiten in Gespräche mit den Parteien verwickeln und geben keine selbstständigen juristischen Erklärungen oder Auskünfte ab.

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