Manche Jodler schlafen halt doch

WATTWIL. 40'000 Besucher erwarten die Organisatoren am Nordostschweizerischen Jodlerfest vom 5. bis 7. Juli in Wattwil. Darunter sind auch fast 4000 Aktive. Längst nicht alle reisen jeweils am Abend wieder nach Hause. Einige übernachten an originellen Orten.

Hansruedi Kugler
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Massenlager im Showroom: Annarosa Brändle hat schon mal die ersten paar Schlafmatten für den Jodlerchor aus Weinfelden besorgt. (Bilder: Hansruedi Kugler)

Massenlager im Showroom: Annarosa Brändle hat schon mal die ersten paar Schlafmatten für den Jodlerchor aus Weinfelden besorgt. (Bilder: Hansruedi Kugler)

Zwei Tage, zwei Nächte und kein Schlaf – davon erzählen jeweils heimkehrende Jodler nach einem grossen Verbandsfest. Nach dem Vortragssingen am Samstag wollen viele Chöre den Festumzug vom Sonntag nicht verpassen und machen deshalb die Nacht zum Fest – bis zum Jodlerfrühstück um 6 Uhr. So mancher legt allerdings seinen Kopf dann doch auf einen Festzelttisch und macht ein Nickerchen. Manche verkriechen sich in einen Schlafsack irgendwo auf dem Festareal. Bei schönem, warmem Sommerwetter wird wohl auch mancher Jodler sein Nickerchen am Thurbord machen. 370 Aktive haben sich bei den Organisatoren für einen Schlafplatz gemeldet. Das sind weniger als zehn Prozent aller Aktiven. Diese schlafen in Hotels, Zivilschutzunterkünften und nach einem Aufruf in der Zeitung bei Privaten. Es gibt aber auch andere, die zum Teil schon weit voraus eine Übernachtungsgelegenheit organisiert haben.

Jodlerlager im Showroom

Schon Ende Januar 2010, gleich nach der Bekanntgabe des Austragungsortes Wattwil für das Nordostschweizer Jodlerfest 2013, bekam Annarosa Brändle einen Anruf. Emil Koller vom Engelchörli Appenzell meldete sich und seine sieben Mitjodler zum Übernachten an. Zusammen mit ihrem Mann Walter führt sie in Wattwil ein Bodenlegergeschäft. Jodlerfans seien sie erst geworden, seit sie das Engelchörli durch eine persönliche Freundschaft kennengelernt hätten, sagt Annarosa Brändle. Eine ihrer Freundinnen sei mit einem Jodler des Engelchörli zusammen. Seit einigen Jahren besuchen die Brändles nun regelmässig Konzerte des Chörli. Das Engelchörli ist eine der gefragtesten Jodlerformationen der Ostschweiz: Ihre regelmässigen Anlässe «Dinner und Gesang» in Gaststätten sind jeweils weit voraus ausverkauft. Annarosa Brändles frische Jodlerbegeisterung ist offenbar ansteckend: «Wenn wir Freunde von uns an solche Konzerte mitnehmen, schütteln die erstmal den Kopf, sind dann aber begeistert.» Gelegentlich lässt Annarosa Brändle auch CDs des Engelchörli im Auto laufen – zur Freude ihrer Enkelin Maleah.

Die acht Jodler schlafen nun während des Jodlerfestes in der Wohnung der Brändles. Damit nicht genug: Ebenfalls über persönliche Bekannte kam vor einigen Wochen die Anfrage des Jodlerklubs des Bernervereins Niesen aus Weinfelden, ob die Brändles für 14 weitere Personen Platz hätten. Kurzerhand entschieden die Brändles, den unter ihrer Wohnung befindlichen Showroom ihres Geschäfts zur Verfügung zu stellen.

Dieser Showroom an der Industriestrasse ist rund 120 Quadratmeter gross. Darum hätten sie gar nicht mehr auf den Zeitungsaufruf für Privatunterkünfte reagiert, sagt Annarosa Brändle. Ihre Gastfreundschaft geht noch weiter: Am Sonntagvormittag wird sie selbst einen Brunch für ihren Jodlerbesuch auftischen. Entweder im Showroom an der Industriestrasse oder auf dem Wattwiler Tüetlisberg. Dort haben die Brändles das Türmlihuus gekauft und sind daran, dieses umzubauen. Eine Ferienwohnung ist bereits fertig und wird einem Jodlerpaar zur Verfügung stehen.

Für Jodler das Haus geräumt

Einer, der gleich sein ganzes Haus für die Jodler räumt, ist der Wattwiler Metzger Markus Bösch. Auch er hat über persönliche Bekanntschaften eine Anfrage bekommen: Das 15köpfige Bäuerinnenchörli Gossau-Andwil wird am Jodlerfest in seinem Haus übernachten. Weil er und seine Frau Daniela ohnehin am übernächsten Wochenende einen Marathoneinsatz leisten, haben sie sich entschlossen, für zwei Nächte in den Pausenraum neben ihrer Metzgerei am Dorfplatz zu ziehen. Ihre beiden Kinder werden das Wochenende bei den Grosseltern verbringen. Am Jodlerfest wird Daniela Bösch bis spät in der Nacht in «Böschs Imbiss» an der Wattwiler Bahnhofstrasse zusammen mit Mitarbeiterinnen hinter der Theke stehen und Hamburger und Würste verkaufen. Markus Bösch wird ebenfalls dort stehen, jedoch zusätzlich am Freitag und am Samstagabend bis spät in die Nacht am Grümpelturnier in Ebnat-Kappel Würste grillieren. Dort ist bis um vier Uhr morgens Betrieb. Anschliessend bleibt kaum Zeit zum Schlafen: «Samstag und Sonntag beginnen wir dann wieder um sechs Uhr mit der Arbeit», sagt Markus Bösch. Es bleiben also ohnehin nur rund zwei Stunden Schlaf: «Entsprechend werden wir wohl am Sonntagnachmittag ziemlich erschöpft sein», sagt er voraus. Und wenn ihm die Bratwürste ausgehen sollten, muss er am Sonntag in aller Früh noch einen Abstecher in seine Metzgerei machen und zwei Stunden lang wursten – das hierfür nötige Fleisch lagert dann im Kühlraum.

Druck (Bild: HANSRUEDI KUGLER)

Druck (Bild: HANSRUEDI KUGLER)