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Man nannte es das «Negerdörfli»

Die Brendi-Siedlung in Wattwil ist 75 Jahre alt. Dank günstiger Bauweise und mit Hilfe der Firma konnten Heberlein-Arbeiter ein eigenes einfaches Haus kaufen. Die Häuser sind auch heute noch begehrt, denn diese Siedlung ist kinderfreundlich.
Martin Knoepfel
Ein Teil der Häuser der Brendi-Siedlung in einem Bild, das kurz nach dem Bau entstanden ist. (Bild: pd)

Ein Teil der Häuser der Brendi-Siedlung in einem Bild, das kurz nach dem Bau entstanden ist. (Bild: pd)

xtWATTWIL. Die Brendi-Siedlung wird 75 Jahre alt. Im April 1941 wurden die 26 Häuser, die alle an der ovalen Brendi-Strasse liegen, nach einer Bauzeit von nur acht Monaten fertiggestellt. Im Volksmund hiess die Siedlung «Negerdörfli». Über den Ursprung des Übernamens zirkulieren laut einer 1991 publizierten Broschüre über die Geschichte des Quartiers mehrere Versionen. Eine Erklärung bezieht sich auf den dunklen Anstrich der Häuser. Eine andere besagt, dass einfache, schlecht bezahlte Arbeiter die Häuser bewohnten. Die ähnlichen Häuser an der Wiesentalstrasse zählen genau genommen nicht zum «Negerdörfli».

Jedes Jahr gibt es ein Quartierfest im privatem Rahmen. Zum 75-Jahr-Jubiläum ist ein grösseres Fest geplant (siehe Kasten). Das Toggenburger Tagblatt sprach mit drei Mitgliedern des Organisationskomitees: Simon Seiler, Thomas Rüegg und Simon Schlumpf.

Sicht auf alle Churfirsten

«Die Lebensqualität im Quartier ist hoch. Alle Häuser haben Sicht auf die sieben Churfirsten. Für Familien ist das Quartier mit der zentralen Spielwiese sehr gut geeignet. Zudem haben wir auf der Strasse im Quartier keinen Durchgangsverkehr», sagen Simon Seiler, Thomas Rüegg und Simon Schlumpf.

Alle Häuser sind gleich und die tragenden Teile aus Holz gebaut. Das Fundament besteht aus Beton. Die Pläne für die Wohnkolonie stammten vom bekannten Wattwiler Architekten Hans Brunner, der unter anderem den Altbau des heutigen Alters- und Pflegeheims Risi gezeichnet hat. Früher bestanden die Fassaden der Häuser der Brendi-Siedlung aus Holz. Heute sind sie mit Eternit verkleidet.

Äusseres unter Schutz

Das Gesamtbild der Siedlung steht seit 40 Jahren unter Schutz. Bei der Renovation der Fassade schreibe die Denkmalpflege vor, wie gross und von welcher Farbe die Schindeln sein müssten, sagen Simon Seiler, Thomas Rüegg und Simon Schlumpf. Früher habe man in den Häusern keine Dachfenster einbauen dürfen. Heute seien die Behörden grosszügiger und erlaubten kleine Dachfenster. Als die Umfahrung Wattwil geplant wurde, hätten sich viele ältere Bewohner der Brendi-Siedlung geärgert, sagen Simon Seiler, Thomas Rüegg und Simon Schlumpf. Der Grund: Die Hausbesitzer mussten bei Renovationen denkmalpflegerische Auflagen erfüllen, und der Kanton wollte die Autostrasse in wenigen Metern Abstand zur Siedlung erstellen. Der Widerstand trug insofern Früchte, als der Abstand der Strasse zur Siedlung vergrössert wurde. Auf die Idee, den Tunnel zu verlängern, ging der Kanton aber nicht ein.

Das Innere der Häuser ist dagegen nicht geschützt. Es unterscheidet sich, abhängig davon, was bisherige Besitzer im Lauf der Jahre investierten. «Es sind Häuser für Handwerker», sagen Simon Seiler, Thomas Rüegg und Simon Schlumpf. Alle Häuser haben drei Schlafzimmer, eine Stube, eine Küche, eine Waschküche und eine Toilette. Alle Zimmer liegen auf einer Etage. In der Waschküche stand einst die Badewanne. Ein Geräteraum ist ans Haus angebaut.

Einfach ausgestattet

Die Häuser waren 1941 sehr einfach ausgestattet. Die Stube wurde von der Küche mit einem Kachelofen geheizt. Die übrigen Zimmer hatten keine eigene Heizung. Den Estrich musste der Besitzer selber ausbauen, wollte er ihn nutzen. Auch die Treppe in den Estrich und den Waschkessel für die Waschküche mussten die Hausbesitzer selber kaufen. Sie mussten ferner die Aussenwände selber streichen. Die für alle Häuser einheitliche Farbe war im Preis inbegriffen. Der Keller war nur rund 80 Zentimeter hoch. Die Firma Heberlein achtete darauf, dass alle Fensterläden in der gleichen dunklen Farbe gestrichen wurden.

Die einfache Ausstattung und billige Materialien trugen mit der einheitlichen Bauweise und dem günstigen Land dazu bei, dass der Preis der Häuser so tief war. Eine Architektur-Fachzeitschrift würdigte, dass «bei genauester Berechnung und peinlichster Ausnützung aller Möglichkeiten jedem ein Heim geboten werden kann, das er ohne Anzahlung sein Eigen nennt, zu einem Zins, der seinem Einkommen entspricht.» Für die meisten Arbeiter- und Angestelltenfamilien war damals ein eigenes Haus ein Traum ohne jede Aussicht auf Realisierung.

Auch in den wirtschaftlich guten 1950er- und 1960er-Jahren waren freiwerdende Brendi-Häuser begehrt. Die Häuser stehen auf recht grossen Parzellen. Die Fläche variiert zwischen 650 und 800 Quadratmetern. Früher hätten viele Bewohner Kaninchen oder Hühner zur Selbstversorgung gehalten und Gemüse oder Kartoffeln angepflanzt, sagen Thomas Rüegg und Simon Schlumpf.

Landschaft verunstaltet?

Die Wiese im Zentrum der Siedlung diente und dient als Fussballfeld und als Treffpunkt der Kinder. «Man musste nie abmachen. Man wusste, dass man auf der Spielwiese Gschpänli treffen würde», sagen Thomas Rüegg und Simon Schlumpf. Zur Brendi-Siedlung gehört auch ein Kindergarten, den die Firma Heberlein Ende der 1940er-Jahre auf ihre Kosten baute.

Es handle sich hier um eine geschlossene, einheitliche und fortschrittliche Arbeitersiedlung. So begründete 1976 der Heimatschutz den Antrag, die Brendi-Siedlung unter Schutz zu stellen. Der Antrag hatte Erfolg. 1940 hatte die kantonale Heimatschutzvereinigung noch Einsprache gegen das Projekt erhoben mit der Begründung, dass es mit der kreisrunden Strasse die Landschaft verunstalte. Das kann man der erwähnten Festschrift entnehmen.

Im Zentrum der Brendi-Siedlung befindet sich eine Wiese. Am oberen Bildrand verläuft die Rickenstrasse. (Bild: Martin Knoepfel)

Im Zentrum der Brendi-Siedlung befindet sich eine Wiese. Am oberen Bildrand verläuft die Rickenstrasse. (Bild: Martin Knoepfel)

Die Organisatoren des Jubiläumsfestes der Brendi-Siedlung. (Bild: pd)

Die Organisatoren des Jubiläumsfestes der Brendi-Siedlung. (Bild: pd)

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