«Man machte sich Gedanken über das Leid der Leute»: Angst und Schrecken im Appenzeller Vorderland – letzte Bombardierungen vor 75 Jahren

In den ersten Maitagen 1945 rückte der Zweite Weltkrieg ein letztes Mal vor die Haustüre des Appenzeller Vorderlandes. Für Angst und Schrecken sorgte die Bombardierung der Vorarlberger Landeshauptstadt Bregenz in den ersten Maitagen, ehe dann am 8. Mai die Friedensglocken läuteten.

Peter Eggenberger
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Die Bombardierungen von Friedrichshafen waren von Walzenhausen aus gut zu beobachten.

Die Bombardierungen von Friedrichshafen waren von Walzenhausen aus gut zu beobachten.

Bild: PD

Die Weltkriegsjahre von 1939 bis 1945 prägte vor allem das nahe der Landesgrenze gelegene Appenzeller Vorderland. Immer wieder näherte sich das Kriegsgeschehen bedrohlich, und zahlreiche Einschränkungen und Verbote erschwerten das Leben. Die Lebensmittel waren rationiert, und in vielen Haushaltungen war Schmalhans Küchenmeister.

Ein Grossteil der Männer war abwesend und hatte unter harten Bedingungen Militärdienst meist an der Landesgrenze zu leisten. Und die Angst vor einem Angriff der Hitler-Truppen war allgegenwärtig. Es waren denn auch im Vorderland vor allem Frauen und Jugendliche, die mit ihrem Einsatz für ein gewisses Mass an Normalität sorgten.

Bilder des Schreckens

Für Angst und Schrecken sorgten die nächtlichen Bombardierungen von Friedrichshafen, die an ein gewaltiges Feuerwerk erinnerten. Zeitzeuge Landwirt Jakob Niederer, Walzenhausen: «Vom Friedhofegg über dem Dorf war das Schauspiel gut zu beobachten. Man machte sich schon auch Gedanken über das Leid der kleinen Leute in der Stadt Friedrichshafen. Aber in erster Linie waren wir froh, dass die Bedrohung unseres Landes durch das unmenschliche Hitler-Regime mit den Flieger-Einsätzen der Amerikaner und Engländer ein Ende fand.»

Die in verschiedenen Fabriken kriegswichtige Güter herstellende Industriestadt Friedrichshafen wurde im Juni 1943 erstmals bombardiert. Es folgten zehn weitere Fliegerangriffe, deren letzter am 25. Februar 1945 die Bodenseestadt weitgehend in Schutt und Asche legte. Jeder Angriff wurde von den Vorderländer Höhen aus verfolgt, begleitet von der bangen Frage: «Wann endlich hat dieses grausame Geschehen ein Ende?»

Stalingrad leitete Wende ein

Bereits die vernichtende Niederlage der deutschen Truppen in Stalingrad Anfang Februar 1943 aber leitete die lang ersehnte Wende ein. Hitlers Siegeszug war endgültig gebremst, und als ab dem 6. Juni 1944 amerikanische Truppen das von der deutschen Wehrmacht besetzte Frankreich zu befreien begannen und anschliessend gegen Deutschland vorrückten, war das Ende des verheerenden Kriegs endgültig absehbar.

Wenige Tage vor Kriegsende geriet das Vorderland erneut in die unmittelbare Gefahrenzone. Die von Lindau aus gegen Bregenz vorrückenden französischen Truppen stellten den deutschen Verteidigern von Bregenz am 1. Mai 1945 das Ultimatum, die Stadt bis spätestens 3 Uhr morgens kampflos zu übergeben. Bregenz wäre damit von Zerstörungen verschont geblieben.

Die Nazis reagierten nicht auf die Forderung, und bereits eine Stunde setzte die Bombardierung der Vorarlberger Hauptstadt ein. Vorrückende Panzereinheiten und eine französisch-marokkanische Gebirgsdivision eroberten anschliessend die Stadt und setzten deutsche und österreichische Nazis und Wehrmachtsangehörige in Gefangenschaft.

Friedensglocken läuteten am 8. Mai 1945

Am 7. Mai 1945 kapitulierte Deutschland, und als Zeichen des Dankes für den endlich eingekehrten Frieden läuteten am 8. Mai im ganzen Land und auch in den Appenzeller Gemeinden die Kirchenglocken.

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