«Mahnmal gegen die Bürokratie»: Weshalb ein Ausserrhoder zwei Liegenschaften bis zum Kollaps verlottern lässt

Ein Wolfhäldler lässt eine historisch bedeutende Mühle so weit vergammeln, bis eine Renovation am Veto der Behörden scheitert. Es ist nicht seine einzige Liegenschaft, die er der Witterung überlässt.

David Scarano
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Was von der einst bedeutenden Hellmühle in Wolfhalden geblieben ist. Rechts führt der Wanderweg vorbei

Was von der einst bedeutenden Hellmühle in Wolfhalden geblieben ist. Rechts führt der Wanderweg vorbei

Bild: David Scarano

In dieser verwunschenen grünen Ecke zwischen Wolfhalden und Lachen Walzenhausen scheint die Kantonsstrasse viel weiter weg zu sein, als sie tatsächlich ist. Es ist fast mucksmäuschenstill, weder Auto- noch Traktorenlärm sind zu hören. Nur die dünne Schnee- und Eisschicht auf dem Wanderweg knirscht leise unter den klobigen Winterschuhen. Und geschützt vom Fichtenwald plätschert der Klusbach gemütlich vor sich hin.

Eine solche Idylle findet sich häufig im Appenzellerland. Dennoch ist das wildromantische Fleckchen Erde nicht alltäglich. Der Grund liegt am steilen Bachufer: die zerfallene Hellmühle.

Den Kampf gegen die Witterung verloren: die Hellmühle

Den Kampf gegen die Witterung verloren: die Hellmühle

Bild: David Scarano

Die Bauruine ist nicht nur ein trauriges Beispiel für ein fehlendes Bewusstsein für die Lokalhistorie. Sie ist auch Ausdruck einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung zwischen einem Bürger und den Behörden.

«Gefährlichste Begehung meiner Laufbahn»

Von der im historischen Roman «Dornesslerin» von Walter Züst literarisch verewigten Hellmühle ist wenig übrig geblieben. Der Besucher kann nur erahnen, dass sich an diesem Ort ein einst bedeutendes Gebäude mit über 300-jähriger Geschichte befand, das in voller Blüte auch eine Sägerei, Bäckerei und Wirtschaft umfasste. Das moosbewachsene Mauerwerk führt einen vergeblichen Kampf gegen den Zerfall. Dach und Holzkonstruktion sind längst unter der Last der Zeit zusammengebrochen.

So sah die Hellmühle vor dem Kollaps aus.

So sah die Hellmühle vor dem Kollaps aus.

Bild: PD

Der endgültige Niedergang setzte vor mehr als zwei Jahrzehnten ein. 1998 strebte der Besitzer der nicht mehr bewohnten Mühle ein Bauermittlungsverfahren an. Zu klären galt es, ob eine Bewilligung für einen Neubau oder eine Sanierung des Gebäudes möglich sei. Da sich die ehemalige Mühle ausserhalb der Bauzone befindet, bedarf es einer Bewilligung durch kantonale Behörden. Die Baudirektion in Herisau stimmte der angefragten Sanierung zunächst zu. Ein Abbruch und Wiederaufbau sei ausserhalb der Bauzone aus bundesrechtlichen Gründen jedoch nicht möglich. In den nächsten zehn Jahren verschlechterte sich der Zustand des Gebäudes dann so sehr, dass für die Behörden auch eine Sanierung nicht mehr in Frage kam.

Der Leiter der Abteilung Raumentwicklung des Kantons, Gallus Hess, kann sich gut an den letzten Augenschein erinnern:

«Es war die gefährlichste Hausbegehung meiner beruflichen Laufbahn.»

An den Wänden Halt suchend musste er die durchgebrochenen Fussböden umgehen, um nicht Stockwerke tiefer zu fallen, erzählt der Kantonsplaner.

Kantonsplaner Gallus Hess.

Kantonsplaner Gallus Hess.

Bild: PD

Gallus Hess sagt, die Hellmühle sei bereits seit Jahrzehnten unbewohnt und nicht mehr unterhalten gewesen. Ein ununterbrochenes Wohninteresse, wie es das Gesetz vorschreibt, konnte der Eigentümer nicht nachweisen. «Die Bestandesgarantie des mittlerweile zur Ruine verkommenen Gebäudes war erloschen. Es tut weh, mit anzusehen, wie solches Kulturgut verschwindet», sagt Gallus Hess.

2013 brach die lädierte Hellmühle schliesslich in sich zusammen. Dies allein ist schon bedauernswert. Doch wie ist es möglich, dass in all den Jahren eine Ruine in einem Ausserrhoder Waldstück vor sich hin gammeln kann und dies noch ungesichert? Denn Absperrbänder oder -gitter sucht der Wanderer vergebens. Kinder und Jugendliche können sich leicht Zugang verschaffen.

Dass die Sicherheit der Spaziergänger auf diesem Stück Wanderweg von Bedeutung ist, zeigt die sich nur wenige Meter entfernt befindende Biker-Sperre. Eine Pforte zwingt seit einem halben Jahr Velofahrer zum Absteigen

Gemeinde könnte Entfernung verfügen

Zwischen der Ruine und dem Gemeindehaus liegen mehr als zwei Kilometer. Die Hellmühle holt die Behörden dennoch in regelmässigen Abständen ein. Der 63-jährige Gemeindepräsident von Wolfhalden, Gino Pauletti, sagt:

«Wanderer sprechen uns immer wieder mal darauf an. Auch ein bekannter ehemaliger Bundeshausjournalist aus der Ostschweiz hat sich schon schriftlich über den Schandflecken beklagt.»

Pauletti führt seit sechs Jahren die Vorderländer Gemeinde. Davor war er Mitglied des Gemeinderats. In zwei dicken Mappen hat er den Fall dokumentiert. Im Sitzungszimmer im zweiten Stock des Gemeindehauses breitet er Ortspläne und historische Fotos aus. Pauletti erzählt, wie er in den vergangenen Jahren regelmässig das Gespräch mit dem Liegenschaftsbesitzer gesucht habe. «Er teilte stets mit: Er mache nichts mehr. In 20 bis 30 Jahren sei hier eh nichts mehr zu sehen», sagt der Gemeindepräsident.

Gino Pauletti, Gemeindepräsident von Wolfhalden.

Gino Pauletti, Gemeindepräsident von Wolfhalden.

Bild: PD

Laut dem Ausserrhoder Baugesetz können die Gemeinden eine Entfernung einer Bauruine verlangen, wenn diese die Sicherheit der Bevölkerung gefährdet oder das Orts- und Landschaftsbild stört. Sie können gar einen Abbruch auf Kosten des Besitzers verfügen. Warum ist dies in all den Jahren nicht passiert? Die Entfernung einer Bauruine in einem Waldstück dürfte nicht an erster Stelle der Prioritätenliste der Gemeinde stehen, die sich derzeit um aufwendige Projekte kümmern muss, etwa die Ortsplanungsrevision oder die Aktualisierung des Strassenverzeichnisses. Dennoch: Ein potenziell gefährlicher Schandfleck kann nicht die beste Imagewerbung für eine Gemeinde sein, die stolz auf ihre Wanderwege ist. Pauletti spricht von einem Abwägen. Die Gemeinde befürchtet eine lange juristische Auseinandersetzung inklusive Gegenklagen. «Und am Ende würden wir auf hohen Kosten sitzen bleiben, die der Steuerzahler decken muss», sagt der Gemeindepräsident.

Pauletti übt aber auch Selbstkritik: Es sei klar, dass die Gemeinde den Stein ins Rollen bringen müsste. «Aber mit der Zeit wird man müde. Das soll keine Entschuldigung sein.» Zu spüren ist, dass sich Pauletti in solchen schwierigen Fällen von den kantonalen Behörden teils mehr Unterstützung wünscht. Die Gemeinden seien für die baupolizeilichen Massnahmen verantwortlich, heisst es aber in Herisau.

Nachbarn schalten Anwalt ein

Dem Mühlebesitzer steht dennoch eine juristische Auseinandersetzung ins Haus. Der nächste Tatort befindet sich im Weiler Hasli, an der kurvenreichen Strecke zwischen dem Dorf und Thal gelegen. Aus der Siedlung heraussticht das Restaurant Frohe Aussicht. In unmittelbarer Nachbarschaft fiel Mitte Dezember 2019 ein baufälliger Stall nach einer Sturmnacht in sich zusammen. Holzbretter, Ziegel und Gerüstteile verrotten seither. Das Gebäude gehört dem gleichen Besitzer wie die Hellmühle. Wie die Restaurantbetreiber berichten, weigere sich dieser, die ungesicherte Bauruine zu entfernen. «Er hat uns mitgeteilt, dass er nichts unternehmen werde», sagt Alex Büsser. Das ist für das Wirtepaar doppelt schlecht. Viele Gäste und Passanten meinen, die Ruine gehöre zum Restaurant. Und gleich nebenan betreibt es seine Gartenwirtschaft. Die Wirte haben sich nun einen Anwalt genommen. «Wir haben dem Nachbarn eine Frist von 30 Tagen gegeben, um den Schutt zu entfernen», sagt Alex Büsser, der im gleichen Atemzug Kritik an den Behörden übt:

«Die Gemeinde schaut einfach nur zu.»

Die zusammen mit dem Wohngebäude geschützte Scheune erzählt eine ähnliche Geschichte wie die Hellmühle. Das Gebäude war ungenügend unterhalten. Und weil das Bauprojekt – unter anderem die Erstellung einer Garage – nicht so einfach umsetzbar war, überliess der Liegenschaftsbesitzer den Stall seinem Schicksal – bis zum Kollaps.

Und was meint der Besitzer zu seinen Ruinen? Er sieht die Schuld nicht bei sich: Das sei nicht auf seinem Mist gewachsen, sagt er. Er habe stets Hand geboten – er habe ja die Mühle und den Stall wieder aufbauen wollen. Der Wolfhäldler sagt:

«Die Behörden werfen einem Knüppel zwischen die Beine.»

Deshalb habe er beschlossen, nichts mehr zu unternehmen. Die Hellmühle betrachtet er als «Mahnmal gegen die Bürokratie». Absichten, die Ruine zu entfernen, hat er derzeit nicht. Ein Sicherheitsrisiko macht er nicht aus. Dort würden keine Kinder spielen, sagt er. Und im Hasli? Auf die Forderung der Nachbarn will er vorerst nicht eingehen. In 30 Tagen werde niemand etwas entfernen, er habe dafür keine Zeit, stellt er klar. An den Plänen, den Stall, wiederaufzubauen, hält er aber fest. Er habe einen Architekten beauftragt, sagt er. Und der Schutt? Sobald sich eine Lösung finde, werde er diesen «aufladen». Einen Zeitrahmen nennt er nicht.