Magische Winterbräuche in Zürich

Im Haus Appenzell sind über den Winter Hauben der Ausserrhoder Silvesterkläuse, Iffelen der Innerschweizer Klausjäger und Kappen der österreichischen Glöckler ausgestellt – beeindruckender Kopfschmuck, der in drei Winterbräuchen im Alpenraum eine Hauptrolle spielt.

Monica Dörig
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Eine Gruppe von Silvesterchläusen mit Kopfschmuck auf dem Strich – ihrem Weg von Gehöft zu Gehöft. (Bilder: pd)

Eine Gruppe von Silvesterchläusen mit Kopfschmuck auf dem Strich – ihrem Weg von Gehöft zu Gehöft. (Bilder: pd)

ZÜRICH. Vieles ist den im Haus Appenzell in Zürich gezeigten Bräuchen gemeinsam. Sie bringen Licht in die dunkle Winterzeit und waren ursprünglich wohl sogenannte «Heischebräuche». Manche Experten vermuten, dass ihre Ursprünge in heidnischer Zeit liegen und sie später an konfessionelle sowie gesellschaftliche Gepflogenheiten angepasst wurden. Sie werden von Schellenklang begleitet, der vielleicht garstige Wintergeister vertreiben soll. Alle drei Bräuche werden vorwiegend von Männern ausgeübt; nur bei den Kindergruppen dürfen auch Mädchen mittun.

Phantastischer Kopfputz

Auch der spektakuläre Kopfschmuck ist den drei Bräuchen gemein: Auf den Hauben der Silvesterkläuse aus dem Appenzellerland sind Szenen aus der bäuerlichen Welt dargestellt oder Anspielungen auf gesellschaftliche Entwicklungen. Die Kappen der Glöckler aus dem österreichischen Ebensee im Salzkammergut und der Kopfschmuck der Iffeler aus Küssnacht am Rigi am Vierwaldstättersee sind übergrosse Papierlaternen mit scherenschnittartigen Ornamenten.

Die Innerschweizer balancieren auf dem Kopf zum Teil mehrere Meter hohe Exemplare, die Bischofsmützen und gotischen Kirchenfenstern ähneln. Auf den meist halbkreisförmigen Glöckler-Kappen unterschiedlicher Grösse werden Heilige, ortstypisches Brauchtum, Bergblumen oder altes Handwerk geehrt. Die Kinderkappen zeigen meist Märchenszenen oder Schmetterlinge, die wie Juwelen funkeln. Seit einigen Jahren gibt es gar eine Weiber-Passe respektive -Gruppe, deren Kappen die regionale Sagenwelt, Frauenkunst und Vorbilder wie Rosa Luxemburg abbilden – und die nicht überall auf Gegenliebe stossen.

Das Kerzenlicht im Innern bringt die Glöckler-Kunstwerke aus Papier zum Leuchten. Die von Hand ausgeschnittenen oder ausgestanzten Motive werden mit buntem Seidenpapier hinterlegt und auf leichte Holzgestelle aufgezogen. Iffelen und Kappen werden unter Zuhilfenahme der Hände getragen. Die Hauben der Silvesterkläuse sitzen hingegen wie Hüte auf den Köpfen und sind wie Podeste oder Räder geformt. Sie sind über und über mit bunten Kügelchen und Flitterkram bestückt und werden von winzigen, manchmal geschnitzten Figuren bevölkert. Kleine Lämpchen lassen auch sie in der Dunkelheit leuchten.

Höhepunkte im Jahreslauf

Das Silvesterklausen ist der Höhepunkt im Brauchtumsjahr von Appenzell Ausserrhoden. Menschenmassen von weit her strömen am 31. Dezember und vor allem zum alten Silvester am 13. Januar in die Hinter- und Mittelländer Gemeinden, um das magische Spektakel zu erleben. Ein unvergleichlicher Zauber liegt über diesen Wintertagen. Sie beginnen beim ersten Tageslicht mit dem Singen von Zäuerli auf den abgelegenen Höfen und enden abends mit Feiern in den Wirtschaften. Den ganzen Tag hindurch ziehen die Schuppel – Gruppen à sechs Männern – der «schönen», «schön-wüsten» und «wüsten» Kläuse von Haus zu Haus. Dabei singen sie ihre mehrstimmigen Naturjodel und überbringen Glückwünsche zum neuen Jahr. Gekleidet sind die Silvesterkläuse in schöne Frauenkleider, Samtanzüge und Larven, oder sie verstecken sich unter Tannreisig und Blätterwerk sowie hinter archaischen Masken. Auf Brust und Rücken tragen die Kläuse grosse Schellen oder an Gurten mehrere Rollen. Die Schuppel folgen auf ihrem Strich, dem Weg zu Gehöften und bis ins Dorf, einer bestimmten Ordnung. Auch der Gesang und das Rollen vor den Häusern sind einer festgelegten Choreographie unterworfen. Die kunstvollen Hauben und die Kostüme aus Naturmaterialien werden wie die Ebenseer Kappen und die Iffelen in stundenlanger Handarbeit gefertigt – oft unter Mitwirkung der ganzen Familie.

Reigen durch die Nacht

Am Abend des 5. Dezember ziehen sich die Klausjäger in Küssnacht am Rigi weisse Kutten über und binden sich bunte Tücher um den Hals. Wenn im Städtchen um acht Uhr abends alle Lichter gelöscht sind, hört man Peitschenhiebe knallen. In der darauffolgenden Stille schweben die magischen Lichter durch die Gassen. Die bis zu 200 Iffeler drehen sich mit ihrem leuchtenden Kopfschmuck wie Derwische. Ihnen folgen der Samichlaus und seine Begleiter, die mit diesem Brauch willkommen geheissen werden, und darauf eine kleine Blasmusikformation, die ein Spottlied intoniert. Dann dröhnen Hunderte rhythmisch geschüttelte Treicheln und am Schluss tutet eine Hundertschaft an Tierhörnern bis in den hintersten Winkel: Das ganze Städtchen vibriert.

Die Quartiere von Ebensee

Auch in Ebensee am Traunsee fiebern alle dem wichtigsten Tag im Jahr, dem Glöcklerlauf, entgegen. Der Volksbrauch, der in mehreren Orten im Salzkammergut ausgeübt wird, ist auf der Unesco-Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgeführt. Wenn es am 5. Januar eindunkelt, machen sich die Glöckler im Sternmarsch auf den Weg ins Ortszentrum. Die Sturmkappe, die eine Passe (Gruppe) anführt, sieht aus wie ein umgekehrtes Boot. Die Glöckler tragen weisse Hemden und Hosen sowie einfache geschmiedete Blechglocken auf dem Rücken. Sie sind in Gruppen von 20 und mehr Erwachsenen oder Jugendlichen und Kindern organisiert. Jede Gruppe repräsentiert ein bestimmtes Quartier von Ebensee, das vor allem vom Salzabbau lebt. In einer Art Reigen laufen sie durch die Strassen, damit die Hunderten von Zaungästen die Kunstwerke von allen Seiten bewundern können.

Diese drei faszinierenden Winterbräuche, vor allem ihr spektakulärer Kopfschmuck, werden seit dem 23. Oktober im Haus Appenzell in Zürich gezeigt. Filme und Fotografien, die Ernst Hohl und Kuratorin Hao Yu-Hohl und ihr Team von Besuchen in Urnäsch, Küssnacht und Ebensee mitgebracht haben, zeigen, wie der Kopfputz hergestellt wird und machen die Stimmung dieser Brauch-tumsTage erlebbar. Die Hauben, Hüte, Iffelen und Kappen sind bis 19. März zu sehen.

Die Hauben der Chläuse sind detailreich verziert.

Die Hauben der Chläuse sind detailreich verziert.

Ein typischer Kopfschmuck der Innerschweizer Klausjäger.

Ein typischer Kopfschmuck der Innerschweizer Klausjäger.

Eine Kappe der Glöckler aus Ebensee im Salzkammergut.

Eine Kappe der Glöckler aus Ebensee im Salzkammergut.

Ein schöner Silvesterchlaus in der Nahansicht.

Ein schöner Silvesterchlaus in der Nahansicht.