Mädchen spielen gegen Knaben

FUSSBALL. Der Gast des Herisauer Nachwuchses trägt die Haare zusammengebunden: Die C-Juniorinnen aus Bühler gehören in der Fussballmeisterschaft der Knabenkategorie an. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

Lukas Pfiffner
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Die Mädchen aus Bühler leisten energisch Widerstand. (Bild: pf)

Die Mädchen aus Bühler leisten energisch Widerstand. (Bild: pf)

FUSSBALL. «He, da isch din … Maaa!» Trainer Beat Ungricht zögert, als er den taktischen Hinweis in der gewohnten Art ins Feld ruft – und lacht. Das Spiel zwischen seinen Herisauer C-Junioren, 2. Stärkeklasse, und den Mädchen des FC Bühler steht kurz vor der Pause. Im Unterbewusstsein sei vielleicht «in einzelnen Spielern drin, eine Spur weniger zu kämpfen, weil es gegen Mädchen geht», meint Herisaus Trainer. Er hat den Knaben mit auf den Rasen gegeben, den Ball laufen zu lassen, Tempo und Druck zu machen. «Bühler kämpft, ist in der Ballannahme und im Weiterleiten gut. Das wissen wir.» Die Gäste geben auf dem Kreckel Zeichen von technischem Können ab, liegen aber 1:5 im Rückstand. Zum Teil lassen sie die Absicherung vermissen. Es ist das erste Spiel der Frühlingsrunde. Im separat gewerteten Herbstdurchgang hat Bühler den vierten Platz belegt und nur zwei Partien verloren. «Die eine oder andere Mannschaft, die diese Möglichkeit hat, wird wohl Spieler der oberen Stärkeklasse zuziehen. Sie wollen nicht noch einmal den Mädchen unterliegen.» Selina Ruckstuhl, Bühlers Trainerin, sagt es augenzwinkernd.

Ans grosse Feld gewöhnen

Warum spielen Mädchen gegen Knaben? «Sie sind mehrheitlich schon lange zusammen, stark und talentiert genug und werden gefördert», sagt Sibylle Diem, Vorstandsmitglied und Präsidentin der Juniorenkommission in Bühler. Sie hat den Grossteil des Teams früher trainiert. Die Spiele auf dem grossen Feld und die Gewöhnung an die Elfer-Mannschaft entsprechen dem Ziel, Spielerinnen in die 1.-Liga-Equipe nachzuziehen. «Einige trainieren schon mit, haben einzelne Einsätze. Aber wir möchten sie nicht verheizen, dosieren ihre Präsenz bei den Frauen.» Die Mädchen haben die Jahrgänge 2000, 1999 und 1998; sie dürfen somit ein Jahr älter sein als die Knaben der Junioren C.

Am Samstag verschieben sich in der zweiten Halbzeit die Spielanteile deutlich zugunsten Bühlers. «Sie wollen es nicht glauben, dass sie gut sind.» Einer der Herisauer Betreuer regt sich auf, spricht die Passivität seiner Knaben und das Leistungsvermögen der Mädchen an. Eben hat der Gast den Pfosten getroffen. Die Mittelländerinnen treten unerschrocken auf; es spielt fast nur noch Bühler – und es spielt mit Freude, Geschick und Hartnäckigkeit, mit wirkungsvollen Steilpässen und unermüdlicher Moral. Die jüngste ist eine der auffälligsten Figuren: Victoria Bischof erzielt mit einem herrlichen Schuss ihr zweites Tor zum 2:5. Andere Chancen lässt Bühler, das sich nun taktisch besser eingestellt zeigt, aus.

Freude an Fortschritten

Seit dem Sommer des vergangenen Jahres sind einige Spielerinnen des FC Appenzell für «Bühler-Mädchen Grp.» aktiv, wie die Gemeinschaft exakt heisst. Die Innerrhoder stellen keine Mädchen-Teams mehr. Schon in früheren Jahren sind Bühlers Juniorinnen gegen Knaben angetreten. «Am Anfang denken einige Jungs: easy», erinnert sich Sibylle Diem. «Aber sie merken, dass die Mädchen gut spielen können.» Völliger Exot ist Bühler im Gebiet des Ostschweizerischen Fussballverbandes nicht. In anderen Gruppen der Junioren C spielen Mädchen aus Widnau und Staad. Die Anmeldung laufe unkompliziert. Dass das Team offiziell den Zusatz «Mädchen» besitzt, habe organisatorische Gründe, etwa im Zusammenhang mit der Zuteilung von Garderoben. Hinter dem Sportzentrum ruft ein kleines Mädchen am Spielfeldrand einmal «Hopp Buebe», kurz darauf «Hopp Maitle». Das Resultat sei in der ganzen Saison nicht das Wichtigste, sagt Selina Ruckstuhl. «Ich freue mich an gelungenen Aktionen, am guten Auftreten und an den Fortschritten mehr als an einem 1:0-Sieg in einem schlechten Spiel.» Kurz vor Schluss jubelt der FCB nochmals: eine der häufigen Balleroberungen wird mit der Verkürzung zum 3:6 gekrönt. Die Trainerin: «Einiges von dem, was wir uns vorgenommen haben, konnten wir umsetzen.» Die Frage an den Schiedsrichter, ob er schon einmal einen Match zwischen Knaben und Mädchen gepfiffen habe, erübrigt sich. Es ist nämlich seine erste Spielleitung überhaupt.

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