Mackies Kopf in der Schlinge

LICHTENSTEIG.Im Chössi-Theater fand die Premiere der «Dreigroschenoper» statt. Die Theatergruppe «in szenario» legte eine herrlich schräge Inszenierung des Brecht-Klassikers aufs Parkett.

Michael Hug
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Charmant schräg, manchmal ebenso charmant unperfekt füllten die Darsteller ihre Rollen.

Charmant schräg, manchmal ebenso charmant unperfekt füllten die Darsteller ihre Rollen.

Mackie Messer, einer der sich des Arbeitens zu schade ist, aber sein Leben in vollen Zügen geniesst – so einer sollte heiraten? Ja, denn in Polly Peachum fand Mackie, der ein Frauenschwarm war (und bleibt), die Liebe seines Lebens. Die Hochzeit des Gangsterkönigs mit der Bettlerqueen in einem Pferdestall in Soho wird zum grossen Stelldichein der Diebe und Bettler aus Londons Unterwelt. Selbst der Polizeipräsident, der als Freund Mackies dessen lukrativen Zuwendungen geniesst und familiär verstrickt ist mit der Unterweltszene, findet sich ein. Doch Mackies «Ehe» hält nicht lange, zu viele Neider sind im Spiel und zu viele stehengelassene Freundinnen. Und so wird der schöne Dieb verraten, worauf er sich mit um den Hals gelegtem Strick auf dem Schafott dastehen sieht. Erstmals brachte die Kanti-Theatergruppe «in szenario» mit der «Dreigroschenoper» ein Stück, in dem der Gesang eine massgebliche Rolle spielt, auf die Bühne. «Sie wählten das Stück selbst», sagte Regisseurin Barbara Bucher, «also trauten sie sich das Singen zu.» Die Lieder von Bertold Brecht und Kurt Weill, darunter die Ouverture der Oper mit der hinlänglich bekannten «Moritat von Mackie Messer», erfordern einiges sängerisches Geschick, doch jene Mitglieder des 14köpfigen Ensembles, die einen Gesangspart hatten, meisterten diesen mit Bravour. Fast schien es, als sei das Singen noch die leichteste aller Aufgaben, die die Darstellenden bei diesem grossen Schauspiel zu meistern hatten.

Singspiel für einfache Leute

Die auf der exakt 100 Jahre älteren «Beggar's Opera» fussende «Dreigroschenoper» von 1828 wurde von Brecht als Singspiel für die einfachen Leute angekündigt. Jeder Bettler sollte den Eintrittspreis von drei Groschen aufbringen können. Dennoch erfordert der Plot einigen Aufwand, spielt er doch an verschiedenen Orten und mit über zwei Dutzend Darstellenden. Das Kanti-Ensemble verfügt aber nur über 14 Schauspielende, so hatte also fast jeder und jede eine Doppelrolle. Was wiederum bedeutete, dass sie sich mehrmals umziehen und umschminken, die Requisiten umstellen, die Ankündigungen der Szenen vornehmen und die Vorhänge selbst bedienen mussten. Ein Heidenstress für alle Beteiligten – den sie aber ohne Wimpernzucken schluckten und stattdessen ein fulminantes Spiel auf das Bühnenparkett legten.

Charmant und unperfekt

Schon fast professionell erschien die schauspielerische Leistung des Ensembles. Mit viel Spielfreude, mit ausgesprochener Verve und viel Selbstvertrauen legten sich die Darstellenden sprechend, singend und agierend ins Zeug. Charmant schräg, manchmal ebenso charmant unperfekt füllten sie ihre Rollen, so dass den Zuschauenden mancher Schmunzler entfuhr, obwohl die Thematik des sozialkritischen Stücks eigentlich eine ernste ist und es nichts zu lachen gibt. Schliesslich wird Mackie Messer ja verraten und gehenkt, jedenfalls zum Galgen geführt, obwohl die eigentlichen Anzuklagenden ganz woanders, nämlich in der oberen Gesellschaftsschicht hocken. «Und der Haifisch, der hat Zähne…», aber er biss nicht zu, er war aus Pappe und hing die ganze Vorstellung mokant grinsend über der Szenerie.

Dreigroschenoper – weitere Vorstellungen: heute Donnerstag und morgen Freitag, je 19.30 Uhr; Samstag, 20.15 Uhr (Theatermenu ab 18 Uhr), im Chössi-Theater Lichtensteig; www.choessi.ch

«in szenario» legte zur Premiere eine fulminante «Dreigroschenoper» aufs Chössi-Parkett. (Bild: Michael Hug)

«in szenario» legte zur Premiere eine fulminante «Dreigroschenoper» aufs Chössi-Parkett. (Bild: Michael Hug)