Lutherbibel – leider eine von vielen

Sie bringt stolze viereinhalb Kilo auf die Waage und ist zwölf Zentimeter dick: Meine alte Bibel steht normalerweise auf einer Kommode und ist eher Zier- denn Gebrauchsgegenstand. Am Samstag habe ich sie nach Lichtensteig geschleppt, weil ich mehr über das enorme Buch erfahren wollte.

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Sie bringt stolze viereinhalb Kilo auf die Waage und ist zwölf Zentimeter dick: Meine alte Bibel steht normalerweise auf einer Kommode und ist eher Zier- denn Gebrauchsgegenstand. Am Samstag habe ich sie nach Lichtensteig geschleppt, weil ich mehr über das enorme Buch erfahren wollte. Das Alter braucht Hans Büchler nicht zu schätzen. Das Buch wurde im Jahr 1700 in Ulm gedruckt, wie auf einer Seite vermerkt ist. Wem die Bibel früher gehört hat, weiss ich nicht, ich habe sie in einem Brockenhaus günstig gekauft.

Grossdruck für schlechte Augen

«Es ist jedenfalls eine lutherische Bibel», stellt Hans Büchler schnell fest. Dass die Bibel von Luther übersetzt wurde, steht neben der Jahreszahl im Buch. «Interessant ist, dass Ulm eigentlich eine katholische Stadt war und dort eine lutherische, also reformierte Bibel gedruckt wurde», sagt Büchler.

Ich frage den Historiker, warum das Buch so gross ist. Um sie jeden Sonntag in die Kirche zu tragen, war die Riesenbibel nicht gut geeignet. «Früher gab es keine Brillen, und die Leute hatten oft schlechte Augen. Deshalb musste die Schrift gross genug sein, dass man sie auch ohne Brille lesen konnte», erklärt Hans Büchler. «Und die Bibel hat halt einfach viel Inhalt.»

Mich würde vor allem der Wert des Buches interessieren. «Soll ich Sie wirklich enttäuschen?», fragt der Historiker. Er öffnet drei Schränke im Museum, und ich stehe vor Buchrücken, alle ebenso dick und hoch und alt wie der meiner Bibel. «Bibeln sind nichts Seltenes. Hier tauchen immer wieder welche auf, auch Schweizer Bibeln, von Zwingli übersetzt.»

Masse mindert Wert

Die grosse Anzahl an Bibeln mindert den Wert. Meine ist zwar schön illustriert mit Kupferstichen, was den Wert hebt, doch sie ist nicht mehr in tadellosem Zustand. Die Schliessvorrichtung fehlt, und an zwei Ecken ist die Metallverkleidung weggefallen. «In einwandfreiem Zustand wäre sie vielleicht 1000 Franken wert, aber so ist es weitaus weniger.»

Enttäuscht bin ich aber nicht. Ich hatte nicht vor, die Bibel zu verkaufen. Ich hänge an dem ältesten Gegenstand, den ich besitze. (mjb)