Lustvoll über den Jazz hinaus

Das Portico Quartet wird derzeit von Publikum und Kritik gefeiert. Dass die vier jungen Londoner auf ihrer ausgedehnten Europa-Tour auch nach St. Gallen kommen, ist eine der schönen Überraschungen des 6. Kulturfestivals.

Andreas Stock
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Portico Quartet: Farbiger Post-Jazz aus London. (Bild: pd/Toby Summerskill)

Portico Quartet: Farbiger Post-Jazz aus London. (Bild: pd/Toby Summerskill)

Ihr Sound klingt neu, eigenwillig und trotzdem irgendwie vertraut. Was das Portico Quartet mit seinem zweiten Album «Isla» bietet, ist dabei nicht «bloss» Jazz. Es ist Musik, die über den Jazz hinaus geht und sich schwer kategorisieren lässt. Das lustvolle Wandern auf den Pfaden zwischen Jazz, Pop, Postrock, World und Minimal Music gehört zum Reiz des Portico Sounds.

Und dass dieser Gang durch die Genres voller Energie, Neugier und geradezu unschuldigem Charme steckt, macht ihn ziemlich unwiderstehlich.

Sicheres Gespür für Atmosphäre

Ihr breites musikalische Spektrum ist dabei lebendiger Ausdruck der vielen Einflüsse, welche die vier Mitzwanziger aus London als prägend nennen: neben Jazzern wie Miles Davis oder dem Esbjörn Svensson Trio, zahlreichen Musikern aus Afrika, Asien und der Karibik zählen Avantgardekomponisten wie Philip Glass und Steve Reich dazu.

Das grossartige, schwebend vorwärtstreibende Stück «Line» auf «Isla» ist ein wunderbares Beispiel für die Inspiration, die sie aus der Minimal Music ziehen. Dass die Stilmelange nicht zu Beliebigkeit verkommt, hat mit dem sicheren Gespür des Quartetts für stimmige, einnehmende Melodien und eine homogene Atmosphäre zu tun. Auf diesem Fundament dürfen sich coole Bassläufe, hitzige Saxophon-Soli und treibende Rhythmen ausbreiten. Technische Virtuosität drängt sich beim Portico Quartet aber nie in den Vordergrund.

Und bei aller jugendlich-verspielten Experimentierfreude ufern die kurzen ungezügelten Momente ihrer Kompositionen nie in Selbstzweck aus. Viele ihrer Songs, wie beispielsweise «Clipper» oder «Life Mask», bieten dennoch so viele komplexe Nuancen, dass sich ihr Reichtum erst bei mehrmaligem Hören ganz erschliesst.

Im Bann des Hangs

Was die Musik von Milo Fitzpatrick (Bass), Jack Wyllie (Saxophone) und Duncan Bellamy (Schlagzeug) neben der leichtfüssigen

Eleganz prägt und den Stempel aufdrückt, ist ihr viertes Instrument: das von Nick Mulvey gespielte Hang. Das Hang, ein in Bern erfundenes Perkussionsinstrument, sieht aus wie eine Mischung aus UFO und zwei gegeneinander gelegten Wok-Pfannen und wird mit den Händen oder Trommelstöcken gespielt. Sein warmes, metallenes Klangspektrum, das an Steel Drums oder an Gongs erinnert, bildet das Zentrum des Portico-Sounds und übernimmt jene Rolle, die sonst Piano oder Gitarre zukommt.

Weil das Hang eher ruhig und zurückhaltend klingt, gilt es für die weiteren Instrumente, darauf Rücksicht zu nehmen – was mit den eigenständigen Sound ausmacht.

Die vier jungen Londoner können sich derzeit nicht über mangelnde Aufmerksamkeit beklagen: teils enthusiastische Kritiken über die Jazzszene hinaus und die derzeit zahlreichen Konzerte quer durch Europa, die begeistert aufgenommen werden, haben das Portico Quartet rasch bekannt gemacht.

«Es ist wohl die letzte Gelegenheit, um diese aufstrebende Band überhaupt noch am Kulturfestival präsentieren zu können», sagt der Programmverantwortliche Philip Stuber.

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