Lola rennt

Um das Haus, in dem ich wohne, führt ein Fussweg herum. Eine willkommene Abkürzung auf dem Weg hinunter ins Dorf, die täglich viele Leute benutzen.

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Um das Haus, in dem ich wohne, führt ein Fussweg herum. Eine willkommene Abkürzung auf dem Weg hinunter ins Dorf, die täglich viele Leute benutzen. Sie gehen zuerst an unserem Wohnzimmer vorbei, verschwinden dann im Kehr hinter dem Nachbarhaus, um schliesslich auf der Strasse unten am Haus wieder aufzutauchen. Manche von diesen Passanten gehen mir auf den Geist. Zum Beispiel wenn sie spätnachts in ihr Mobiltelefon hineinbrüllen, oder wenn sie uns allzu unverfroren ins Wohnzimmer spähen. Andere sind mit der Zeit irgendwie in meinen Alltag hineingewachsen. Weil sie immer zur selben Zeit vorbeitrotten, weil sie stets leise vor sich hin singen oder andere liebenswerte Marotten pflegen, die einem nach einer Weile geläufig werden. Ja, einige von diesen Fussgängern hab ich tatsächlich ein bisschen lieb gewonnen. Unbekannterweise und en passant, sozusagen. Am liebsten mag ich die Frau, die immer rennt. Ich nenne sie Lola, und ich freue mich immer, wenn ich sie frühmorgens kommen höre: ein leichtfüssiges, adrettes Klackern, ganz und gar unverkennbar. Lola trägt nämlich immer hohe Absätze. Richtig hohe, und sie trägt sie perfekt zur Schau. Sie ist eine rundum elegante Erscheinung mit langen, seidigen Locken, vielen feinen Kleidern und einem leicht französischen Touch. Und eben: Sie rennt. Mit ihren hohen Absätzen. Sie rennt so anmutig wie niemand sonst, mit einer Gelassenheit und Selbstverständlichkeit, die ich immer wieder von neuem bewundere. Ihre Tasche schwingt am Arm, ihre Haare tanzen auf und ab und mir scheint, sie lächle sogar dabei. Wenn Lola rennt, wird es ein guter Tag.

Corina Vuilleumier