Locken der Glückseligkeit

Für einmal ein Liederabend – im Assel-Keller wagte man sich auf selten betretenes Territorium. Das Duo Vivid Curls waren ein Versuch, der mit Erfolg und Gedankenanstössen gekrönt war.

Michael Hug
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Jägerinnen der Glückseligkeit: «Vivid Curls» mit Inka Kuchler (links) und Irene Schindele im Assel-Keller. (Bild: Michael Hug)

Jägerinnen der Glückseligkeit: «Vivid Curls» mit Inka Kuchler (links) und Irene Schindele im Assel-Keller. (Bild: Michael Hug)

WALD-SCHÖNENGRUND. Nie hätte sie auch nur im Geringsten daran gedacht, ihr geliebtes Wiggensbach im Oberallgäu zu verlassen. «Mit nackige Füess im Gras flaggse», wie sehr hatte sie es vermisst, als sie in München studierte. Dann kam Augsburg, 15 Jahre lang, und seither hat sie ihren Heimatort nur noch als Besucherin erlebt. Diese kleine Geschichte zeigt die Heimatverbundenheit der beiden «Vivid Curls», Inka Kuchler und Irene Schindele. Für sie gibt es keinen schöneren Ort als das Dorf Wiggensbach bei Kempten im bayrischen Allgäu. Ihre Liebe zur Heimat drücken sie auch damit aus, dass viele ihrer Lieder im dortigen Dialekt gesungen sind. Ein Idiom, der sich zwischen dem Schwäbischen und dem Bayrischen bewegt und mit vielen Synonymen bespickt ist, die man auch in der Schweiz versteht. Aber auch mit einigen, die hierzulande kaum dekryptisiert werden können.

Ungebändigte Lockenpracht

Doch was Kuchler und Schindele, zunächst auffallend durch ihre schier ungebändigte Lockenpracht, deswegen sie auch schon für Schwestern gehalten wurden, zu sagen haben, wird auch so verstanden. «In Gottes Namen» ist so ein Lied, das man auch als apolitischer Zeitgenosse kapiert, sozialkritisch und mutig, es geht um Kriege im Namen Gottes: «Wir werden dieses Lied singen, bis es mehr Frieden gibt auf der Welt!» Solche Lieder sind unangenehm berührend, andere sind es in angenehmer Weise: «I halt di fescht», ein Liebeslied, oder «Allgäu», das, wie sie meinen, «so etwas wie die Hymne des Allgäu gworde isch», sind Werke in bester Singer/Songwriter-Manier à la Leonard Cohen oder Herman van Veen. Eigentlich sollten die zwei ja keine sozialkritischen Lieder singen, aber das Weltgeschehen zwingt sie scheinbar dazu. Apropos Welt: Hinterwäldlerisch sind Lieder und Texte mitnichten. Kuchler und Schindele beweisen Weltläufigkeit mit Texten in Englisch, Französisch und Spanisch und natürlich auch in sauberem Hochdeutsch.

Erstaunliches Programm

«Mal etwas anderes», «ein Versuch», meinten die «Kellerasseln», die im Assel-Keller das Programm machen. In der Tat erstaunt das eigenständige Programm der Hinterländler/Neckertaler Kleinkulturbühne immer wieder. Man bewegt sich weit abseits des Mainstreams, auch und gerade durch den Zwang, dass ebendieser in diesem kleinen Keller gar keinen Platz hätte. So sucht man nach Perlen und findet diese, «Vivid Curls», was in etwa soviel wie «lebendige Locken» bedeutet und äusserst passend scheint, ist so eine Perle. Ihre erste und in bisher zwölf Jahren Zusammenarbeit herausgebrachte Liedersammlung heisst «Jäger der Glückseligkeit». Es war ein Vergnügen, diesen eher sanften, berührenden, aber nicht minder aussagestarken «Glücksjägerinnen» zuzuhören am Samstagabend.