«Literatur – meine letzte Leidenschaft»

Am Freitag startet das Lesefestival im Chössi-Theater. An sieben Tagen stehen die Lust am Lesen und die Auseinandersetzung mit Literatur im Zentrum. Was soll man vom Lesen halten? Das Toggenburger Tagblatt hat sich in der Literaturgeschichte umgesehen.

Hansruedi Kugler
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TOGGENBURG. Wenn der Umsatz gnadenlos schrumpft, dann ist so ein Satz wie Balsam für die Seele von engagierten Buchhändlern. Der französische Bestseller-Autor Philippe Djian («Betty Blue») geht nämlich – wenn es ihm schlecht geht – lieber zum Buchhändler als zum Apotheker. Literatur als Heilmittel, als Seelentrost, als Stimmungsaufhellerin, als Welterklärerin? Vieles spricht dafür, nicht nur das verbreitete pädagogische Lob auf das Lesen. Schliesslich steht das Lesen in der modernen Pädagogik zuoberst in der Hitliste der nützlichen Kulturtechniken: «Beim Lesen guter Bücher wächst die Seele empor», meinte schon der Aufklärer Voltaire (1694–1778). Der geniale amerikanische Satiriker Groucho Marx spottete 200 Jahre später über das Fernsehen: «Fernsehen bildet. Immer wenn der Fernseher läuft, gehe ich in ein anderes Zimmer und lese.» Gutenberg, Luthers Bibel, die modernen Zeitungen – allesamt haben sie den modernen, informierten Leser hervorgebracht. Und noch ein Satz für die Ewigkeit: «Bücher sind Schiffe, welche die weiten Meere der Zeit durcheilen.» (Francis Bacon, 1561–1626)

Die Seele oder der Spott

Die Zahl der Spötter ist aber mindestens so gross. So schrieb etwa Kurt Tucholsky: «Man muss nicht alles so genau verstehen, lesen genügt auch.» Oder: «Lesen – ein geniales Mittel, das Denken zu vermeiden», so Arthur Helps (1813–1875). oder: «Manche Leute lesen viel, weil sie nichts zu sagen haben.» Man muss eingestehen: Flüchtig ist der Wissenszuwachs beim Lesen, vor allem wenn es sich um Romane handelt. Das wusste nicht nur Michel de Montaigne (1533– 1592), als er schrieb: «Es ist leichter, das Buch zu behalten, als das, was drinnen steht.» Und meinte damit nicht nur die Leser, die einen Text überfliegen.

Man kann auch noch den deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer (1788–1860) zitieren: «Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn.» Der bekennende Selbstdenker meinte das durchaus skeptisch, nämlich als Zwang. Er befand, Gelehrsamkeit mache die meisten Menschen geistlos und einfältig. Was natürlich den Leser als zu passiv beurteilt. Der aktive Leser weiss: «Lesen ohne Nachdenken ist wie Essen ohne Verdauen», schrieb Edmund Burke (1729–1797). Und Lichtenberg in seinem markanten Stil ergänzt: «Ein Buch ist ein Spiegel. Wenn ein Affe hineinsieht, kann kein Apostel herausgucken.»

«Es ist immer nur die Liebe»

Um nüchternes Wissen geht es der schönen Literatur, dem Roman, ohnehin in den wenigsten Fällen. Unvergleichlich poetisch formuliert es der französische Schriftsteller Stendhal (1783–1842): «Ein Roman ist wie der Bogen einer Geige und ihr Resonanzkörper wie die Seele des Lesers.» Die Seele war der Literatur so auch Jahrhunderte lang ein Mysterium und ein Heiligtum zugleich. Der modernen Literatur stellt sich die Frage, worüber noch schreiben, wenn doch die Seele seit hundert Jahren allmählich in psychologischen Begriffen zu Tode erklärt worden ist? Man kann mit dem legendären Kritiker Marcel Reich-Ranicki etwas verkürzt sagen: «Es ist immer nur die Liebe, die mich interessiert, alles andere ist langweilig.» Ist es natürlich nicht, was die lange Liste der ihre jeweilige Zeit in immer neuen Romanen reflektierenden Schriftsteller beweist.

Leselust und Lasterhaftigkeit

Die Geschichte des Lesens kann man auch als Paradoxon nachzeichnen: Zu allen Zeiten sind die Denker, Schriftsteller und Pädagogen hin- und hergerissen. Den einen hilft Lesen bei der Selbst- und Welterkenntnis, den anderen ist das Lesen eine Flucht in die Scheinwelt des Fiktiven.

Gefährlich sei das Lesen, mahnen zudem Sittenwächter seit eh und je. Gerade jungen Frauen sei das Lesen von Romanen zu verbieten, war jahrhundertelang die gängige Meinung. Romane zu lesen stachle die unsittliche Phantasie junger Menschen und besonders von Mädchen an, die dann als Ehefrauen verdorben seien. Nicht ganz unbegründet: Wimmelte es doch schon im 18. und dann vor allem im 19. Jahrhundert in Romanen von delikat verhüllter Erotik, Verführung und offenem Ehebruch. Die Literatur setzte sich zum naheliegenden Ziel, die bürgerliche Moral im bürgerlichen Zeitalter zu reflektieren. Sind wir im 21. Jahrhundert wesentlich freier? Immerhin: Der erotische Aufklärungsschinken «Fifty Shades of Grey» schaffte es mit devoten Sexpraktiken zum Weltbestseller.

Zuflucht in letzte Leidenschaft

Nochmals ein zeitlicher Sprung zurück führt uns direkt in die Leidenschaft. Pathetisch tönt der Satz des gealterten Preussenkönigs Friedrich II. (1712–1786): «Bücher sind kein geringer Teil des Glücks. Die Literatur wird meine letzte Leidenschaft sein.» Na ja, im Alter wurde der alte Fritz kriegsmüde, und in der Liebe hatte er ohnehin keine Leidenschaft und keine Erfüllung gefunden. So könnte man seine Leselust auch als resignative Zuflucht interpretieren. So wie ein russisches Sprichwort sagt: «Wer die Bücher zum Freund hat, kennt keine Langeweile.» Aber Friedrich meinte: «Von allen Leidenschaften bleibt mir am Ende noch das Lesen.» Darin steckt einige Wahrheit. Allerdings: So eindeutig positiv bewertet wurde das Lesen auch zu Lebzeiten des preussischen Königs nicht, in dessen Diensten auch der berühmteste Toggenburger Schriftsteller, Ulrich Bräker. stand. Bräker haderte mit seiner Lesesucht, nicht zuletzt, weil seine Frau Salome oft wetterte, er solle Nützlicheres tun, als Shakespeare zu lesen.

Beissen oder unterhalten

Ohne Franz Kafkas oft zitierten Satz «Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns» kann man keinen Text über das Lesen schreiben. Er hat den Satz 1904 in einem Brief geschrieben. Es ist auch heute ein geradezu beschämender Satz, der als beissende Kritik an unserer aktuell überbordenden Selbstbestätigungskultur, angefeuert durch die meist unkritischen Social-Media-Kanäle, verstanden werden kann. Kafkas Credo gilt einem radikal aufklärerischen Lesen: «Man sollte überhaupt nur Bücher lesen, die einen beissen und stechen.» Nun, darf's kein bisschen Unterhaltung sein? Das muss jeder Leser selbst entscheiden. Am Lesefestival wird man hoffentlich gebissen und unterhalten.

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