Literatur, Kultur und Politik

Der Grämiger Paul Widmer trat in den diplomatischen Dienst des Bundes ein und war Botschafter in verschiedenen Ländern. Zudem verfasste er ein Handbuch der Diplomatie. Mit dem Toggenburg ist er weiterhin verbunden, etwa als Beirat des Toggenburger Jahrbuchs.

Martin Knoepfel
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WATTWIL. «Ich hätte mir gut vorstellen können, Geschichte und Philosophie an der Kantonsschule Wattwil zu unterrichten.» Paul Widmer – aufgewachsen auf einem Bauernhof in Grämigen – wollte immer Literatur, Kultur und Politik verbinden – und als er die Prüfung für den diplomatischen Dienst schaffte, blieb er in diesem Metier. «Ich war von klein auf an Aussenpolitik und an den grossen Themen interessiert. Mir gefiel auch, dass man sich als Diplomat mit der Kultur im weiteren Sinne befassen muss», sagt er.

«Interesse für Politik nötig»

Was muss ein Diplomat mitbringen? Neben einem abgeschlossenen Studium – gleich welcher Richtung – Umgänglichkeit. Es brauche Interesse für die Politik, sowohl die des eigenen Landes, das man ja vertrete, wie die des Gastlandes. Dazu komme gesunder Menschenverstand, wenn man in der Fremde rasch entscheiden müsse, sagt Paul Widmer.

Er erinnert sich an Bombenattentate auf grosse Hotels in Amman (2005) mit Dutzenden Toten. Er war damals Botschafter in Jordanien. Ein Mitarbeiter klingelte ihn in der Nacht aus dem Bett. «Da musste ich so rasch als möglich herausfinden, ob Schweizer unter den Toten waren. In einer solchen Lage muss man bei den Hotels vorbeigehen, denn sie nehmen in dieser chaotischen Situation kein Telefon ab.» Er hat aber positive Erinnerungen an Jordanien. Amman sei ein sehr interessanter Posten gewesen, unter anderem, weil es das Tor zum Irak war, sagt Paul Widmer.

Arbeitstag beginnt mit Lektüre

Ein typischer Arbeitstag eines Botschafters beginne mit der Lektüre der wichtigsten Zeitungen im Gastland – oder mit Zusammenfassungen davon. Es folgten Besprechungen, am Mittag eventuell ein offizielles Essen. Am Nachmittag kämen weitere Besprechungen dazu, oder man erledige die Korrespondenz mit Bern. An vielen Abenden fänden Anlässe statt, an denen die Präsenz des Botschafters erwartet werde. Dass aber am Rand solcher Treffen wichtige Konflikte beigelegt würden, sei falsch.

Bogen zu Gripen-Debatte

Spannend sei ebenfalls die Zeit in Washington gewesen, nicht zuletzt, weil die Menschen in den USA sehr offen seien. Und da schlägt Paul Widmer den Bogen zur aktuellen Schweizer Politik. «Dem schwedischen Botschafter in Bern wirft man vor, dass er sich für den Gripen einsetzte. In Washington erwartet man ein solches Verhalten geradezu. Wenn der Botschafter das nicht täte, würden die Amerikaner glauben, dass das Produkt schlecht sei.»

Kulturell besonders intensiv sei die Zeit in Berlin in den frühen 90er-Jahren gewesen – Paul Widmer war damals nicht als Botschafter dort, weil die Botschaft noch in Bonn war. Er habe versucht, Künstler in Galerien unterzubringen, Veranstaltungen besucht oder Empfänge gegeben, etwa wenn eine Ausstellung über Friedrich Dürrenmatt eröffnet wurde.

Interesse für die Schweiz

Berlin sei insofern ein spezieller Standort, als sich die Deutschen stark für die Schweiz interessierten und weil die Sprachbarriere fehle. Er sei oft zu Podiumsdiskussionen oder an Hochschulen eingeladen worden. In Paris oder Washington hätte ein Schweizer Botschafter nie eine solche Stellung, ist Paul Widmer überzeugt. Und es galt, den Standort der Schweizer Botschaft im Herzen von Berlin zu verteidigen. «Der Schweiz gehört das einzige Stück Land zwischen dem Reichstag und dem Kanzleramt, das sich nicht im Besitz der Bundesrepublik oder der Stadt Berlin befindet.»

1989 bis 1992, also in der Zeit der Wende, war Paul Widmer als Sektionschef im EDA für die KSZE/OSZE zuständig, als mit der Charta von Paris eine neue Ordnung für Europa geschaffen wurde. (KSZE und OSZE stehen für die Konferenz beziehungsweise für die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa.) «Es ist schön, wenn man auf das Ergebnis zurückblickt, aber der Verhandlungsmarathon war anstrengend», sagt Paul Widmer.

«OSZE agiert in der Krise gut»

Wie sieht der Diplomat die Chancen der OSZE unter ihrem Präsidenten Didier Burkhalter, die Ukraine-Krise beizulegen? Die Antwort ist diplomatisch. Die OSZE sei nicht mehr das strategische Forum, obwohl sie mit ihren Missionen nützliche Arbeit leiste. «Sie hat eine Bedeutung, aber diese ist begrenzt, da bei Friedensschlüssen Einstimmigkeit nötig ist.» Die OSZE agiere in der Krise gut, aber das habe mehr mit Bundesrat Didier Burkhalter zu tun als mit der OSZE als Gremium.

Zuletzt war Paul Widmer Botschafter der Schweiz beim Vatikan, wobei er in Bern stationiert war, wo er auch lebt. Ist der Beruf des Botschafters jetzt langweiliger, weil die Zentrale sich jederzeit mit Mails einmischen kann? Der Spielraum sei heute kleiner, räumt Paul Widmer ein. Dafür sei viel Neues dazugekommen, etwa die Public Diplomacy, also der Schritt an die Öffentlichkeit, um die Sache des Landes zu vertreten.

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