Liebe Redaktion

Wir waren natürlich wieder dabei, am Samstag im Gemeindesaal, zum Unterhaltungsabend des Dorfchors. Überall im Kanton finden vom Herbst bis in den Frühling solche Veranstaltungen statt.

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Wir waren natürlich wieder dabei, am Samstag im Gemeindesaal, zum Unterhaltungsabend des Dorfchors. Überall im Kanton finden vom Herbst bis in den Frühling solche Veranstaltungen statt. Und wie immer lief es auch bei uns nach dem gleichen Muster solcher Abende ab: Zuerst kommt der musikalische Vortrag. Der einladende Verein singt oder jodelt oder musiziert sein lange und intensiv einstudiertes Programm. Alle Mitwirkenden sind in ihrer Tracht oder Uniform süferli herausgeputzt. An der Bühnendecke hängt das Vereinsemblem, am vorderen Bühnenrand stehen erste Frühlingsblumen oder das traditionelle Trockengesteck. Vor dem dritten Stück spricht der Präsident, freut sich über den zahlreichen Besuch und begrüsst die Delegationen. Nach knapp 90 Minuten ist die Tombola dran: Die Aktiven von vorher verkaufen jetzt, meist zu zweit, ihre Lösli, das Stück für einen Franken, das Couvert mit einem garantierten Treffer für zehn Franken. An dritter Stelle folgt ein Ein- oder Zweiakter, ein Theaterstück in Dialekt für circa sieben Personen, meist eine Mischung aus Komödie, Tragödie und Lustspiel, deshalb oft heiteres Volksstück genannt. Teile des Bühnenbildes stammen noch vom letzten Jahr.

Nach abermals 90 Minuten wird als vierter Programmpunkt die Tombola eröffnet. Was zwischen Garderobe und Eingang treppenförmig aufgebaut und ausgestellt war, wird jetzt im Saal verteilt: Früchtekörbe in Kartonschachteln, Märzensternen im Plastiktopf, vakuumiertes, getrocknetes Schwinigs. Gleichzeitig mit der Tombola wird im Untergeschoss (im Geräteraum, wo die Turnmatten einen starken Geruch von Schweiss, Leder und Plastik verbreiten), die Clubbar eröffnet. Und zum Abschluss spielen auf der Bühne die fröhlichen, urchigen, stimmungsvollen Rotbächler, Linthtaler oder Fürstenländer zu dritt zum Tanz auf.

Rösli und ich haben diesen Abend einmal mehr sehr genossen. Offen bleibt für mich, weshalb Musik-, Jodel-, Gesangs- und Trachtenvereine in Anspruch nehmen, auch noch schauspielern zu können? Typen wie Robert Redford, Götz George und Gene Hackman sind auch bei uns selten. Und keine andern Vereine führen noch «Volksstücke» auf. Dabei könnte ich mir gerade bei den politischen Parteien viel schauspielerisches Potenzial und eine Hauptversammlung vorstellen, an der nach dem Referat des parteieigenen Regierungsrates ein Zweiakter mit allen politischen Mandatsträgern gespielt wird («Das Unheil im Gemeindehaus»). Schliesslich: Dass wir an diesem Abend einen teuren Einkauf gemacht haben (sechzig Franken Tombola für einen Zopf, eine Lyonerwurst und einen unbrauchbaren Zapfenzieher), hat uns überhaupt nichts ausgemacht. Im Gegenteil: Wir haben damit einen Beitrag geleistet an die grosse, uneigennützige Arbeit unserer Vereine und indirekt wohl auch an ein Ausserrhoder Kulturgut. Ihr

Röbi Rohner

* Der fiktive Röbi Rohner wohnt in Appenzell Ausserrhoden. Er ist ein sehr aufmerksamer Zeitungsleser. Immer, wenn er sich freut oder ärgert, schreibt er der Redaktion eine E-Mail. Wir publizieren diese Mails.