Liebe Redaktion

Nein, vom Schwingen hatte ich keine grosse Ahnung.

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Nein, vom Schwingen hatte ich keine grosse Ahnung. Ich wusste, dass bei den Schwingern der Vorname nach dem Familiennamen kommt und so eigentlich der Nachname ist, dass es Turner- und Sennenschwinger gibt, dass der Sieger dem Verlierer nach dem Kampf mit der Hand das Sägemehl vom Rücken wischt und dass Schwingen bei uns ein reiner Männersport ist. Ich war drum auch gespannt, als ich am letzten Sonntag zum ersten Mal an ein Schwingfest, und zwar zum Schwägalp-Schwinget, ging.

Was Sie tags darauf in der Appenzeller Zeitung schrieben, ist mir sofort auch aufgefallen: das junge Publikum. Für viele junge Leute aus den Städten liegt Schwingen offensichtlich im Trend und ist cool. Ich bin zwar vom Land und kein Hüüriger mehr. Aber auch ich habe mit Freude und Spass das Schwingen verfolgt und dabei vieles gelernt:

Die Zelte haben Namen und heissen «Lätz» und «Churz». Das sind Bezeichnungen für Schwingerwürfe. Wie im Ring ist es in den Zelten denn auch sehr heiss, und man kommt sich im Gedränge sehr nah. Draussen wird auf Plätzen (1 bis 3) geschwungen, die Nummern der Schwinger werden auf Drehtafeln vermerkt, und es gibt sechs Durchgänge.

Ich habe erfahren, dass die meisten Besucher am Schwingfest äusserst kompetent sind und einem Anfänger wie mir gerne Auskunft geben. Sie haben mir erklärt, dass ein Kampf gewonnen ist, wenn der Konkurrent den Boden mit zwei Dritteln des Rückens berührt. Der Sieger bekommt dann 9,75 oder gar 10 Punkte, der Verlierer 8,5 oder 8,75. Unentschieden gibt es auch, und das heisst «gestellt» und gibt 8,75 oder 9 Punkte. Weshalb die Punktevergabe bei 8,5 beginnt und bei 10 hört, konnte mir allerdings niemand so genau erläutern. Auch nicht, weshalb es jetzt genau zu dieser Paarung und nicht zu einer andern gekommen ist. Und die Rangliste nach den einzelnen Gängen sieht man nicht wie bei jedem Tennisturnier auf einer Anzeigetafel, sondern man muss sie jeweils für einen Franken kaufen.

Ich habe dann auch festgestellt, dass die Gänge am Morgen und am Nachmittag unterbrochen werden, zuerst durch die «Präsentation der Lebendpreise» (Stier, Zuchtrind, Fohlen) und dann durch den Festakt mit feierlichen Ansprachen. Dabei haben die hohen Tiere am Nachmittag weniger Aufmerksamkeit bekommen als die richtigen am Vormittag. Und ich habe mir überlegt, ob ich aus meinem Bestand auch einmal ein Dutzend Appenzeller Spitzenhübli spenden könnte.

Ich habe gelernt, dass beim Schwingen alle gleich sind und es keine Gewichtsklassen gibt: Da können zwei gegeneinander schwingen, von denen der eine einen Kopf kleiner und der andere 40 Kilogramm schwerer ist. Und obwohl es um ein bodenständiges Kräftemessen, um eine Zweikampfsportart geht, ist es auf den Plätzen und bei den Zuschauern äusserst ruhig und friedlich. Zwar spricht man von den «Bösen»; fast liebevoll aber kündigt der Speaker an: «Auf Platz 1 stehen einander gegenüber…» oder «Auf Platz 2 sind an der Arbeit…» oder «Auf Platz 3 geben sich die Hand…»

Ihr Röbi Rohner

äxgüsi Rohner Röbi

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