Liebe Redaktion

Für das Lesen dieses E-Mails bitte ich Sie aufzustehen. Halten Sie sich mit der rechten Hand am oberen Türbalken fest und nehmen Sie die Zeitung in die linke Hand.

Ihr Röbi Rohner*
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Sitzgelegenheiten im Postauto. Ein Thema für Röbi Rohner. (Bild: Reto Martin)

Sitzgelegenheiten im Postauto. Ein Thema für Röbi Rohner. (Bild: Reto Martin)

Für das Lesen dieses E-Mails bitte ich Sie aufzustehen. Halten Sie sich mit der rechten Hand am oberen Türbalken fest und nehmen Sie die Zeitung in die linke Hand. Ich ersuche Sie ferner, mit den Schultern rhythmisch hin und her zu pendeln und zwischendurch – mit festem Stand am Boden – den Oberkörper ruckartig nach vorn und nach hinten zu werfen. Erst dadurch bekommen Sie das richtige Körpergefühl, um mein E-Mail zu verstehen.

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Es geht nämlich um die Doppelstöcker Postautos der Postauto Schweiz AG, die bei uns vor allem im Vorderland und auf der Strecke von Heiden über St. Gallen nach Engelburg verkehren. Sie tun dies schon seit zehn Jahren, haben schon bald einmal eine Million Kilometer auf dem Buckel und müssen deshalb demnächst ersetzt werden. Und als Ersatz ist seit einigen Tagen ein hundsnormales gelbes Postauto im Einsatz – ein Man Euro 6, Dreiachser, um genau zu sein.

Und um genau diesen Man Euro 6 geht es: Er ist nur «einstöckig», aber zwei Meter länger als der Doppelstöcker und kann gleich viele Passagiere wie der Doppelstöcker transportieren, nämlich rund 120. So weit so gut. Aber jetzt kommt's knüppeldick: Im Doppelstöcker gibt es offiziell 88 Sitzplätze und 43 Stehplätze, also Sitzen und Stehen sind im Verhältnis von 2 zu 1. Im Man Euro 6 ist es genau umgekehrt: Da gibt es 41 Sitzplätze und 77 Stehplätze, also Sitzen und Stehen im Verhältnis 1 zu 2. Vorbei die gemütliche, erholsame, entspannende Postautofahrt!

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Nun stehen Sie mal 35 Minuten lang von Heiden zum Bahnhof St. Gallen, auf dieser kurvenreichen Strecke, die gewaltige Höhen überwindet und wo permanent beschleunigt und gebremst wird. Da setzt die Fahrt zum Arbeitsplatz, zur Schule oder zum Einkaufen ein sportliches Stehvermögen und eine Grundkondition voraus und wird zur schweisstreibenden Fitnessstunde. Hinzu kommt: Auch den wenigen, die einen Sitzplatz ergattert haben, wird die Fahrt wegen der harten, kaum gepolsterten Sitze zu einem physisch nachhaltigen Erlebnis.

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Nach verschiedenen «Testfahrten» komme ich zum Schluss, dass der Man Euro 6 ein ideales Postauto für kurze, gerade Strecken ist. Im Voralpengebiet mit unzähligen Ränken und weiten Fahrwegen, also eben von Heiden nach Engelburg, aber ist er nicht geeignet. Die Vermutung liegt nahe, dass er deshalb drei Türen hat, damit stehende wie sitzende Passagiere nach der gefährlichen und anforderungsreichen Fahrt das Fahrzeug sofort verlassen können. Und nur ein Gerücht ist es, wonach die Postauto AG für diese Strecke ein neues Tarifsystem diskutiert, nämlich die Einführung von Stehplatz- und von Sitzplatzfahrkarten.

* Der fiktive Röbi Rohner wohnt in Appenzell Ausserrhoden. Er ist ein sehr aufmerksamer Zeitungsleser. Immer wenn er sich freut oder ärgert, schreibt er der Redaktion ein E-Mail. Wir publizieren diese Mails.

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