Liebe Redaktion

Seit Montag, seit sie in St. Gallen den Bahnhofplatz total umbauen, ist der Ostschweizer Wortschatz um einen Begriff erweitert worden. Die Trolleybusse und Postautos, die bislang am Bahnhof ihre fixen Haltestellen hatten, haben diese bis auf weiteres verloren und dafür eine Fliesskante bekommen.

Ihr Röbi Rohner*
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Seit Montag, seit sie in St. Gallen den Bahnhofplatz total umbauen, ist der Ostschweizer Wortschatz um einen Begriff erweitert worden. Die Trolleybusse und Postautos, die bislang am Bahnhof ihre fixen Haltestellen hatten, haben diese bis auf weiteres verloren und dafür eine Fliesskante bekommen.

Fliesskante hat nichts mit einem Schnittmuster oder einem Bewässerungs- oder Abwasserplan oder einer geologischen Veränderung zu tun. Fliesskante wird auch nicht im Zusammenhang mit Arbeit am Förderband verwendet und ist kein Fachbegriff aus der Papeterie, der Druckerei oder der Baubranche. Fliesskante ist eine Haltestelle – und jetzt wird's kompliziert –, an der entgegen des Begriffs ein öffentliches Fahrzeug nur ein bisschen hält, um dann sofort «weiterzufliessen». Konkret: All die Postautos, die von Heiden–Eggersriet, Heiden–Rehetobel, Herisau–Stein etc. nach St. Gallen fahren, haben in St. Gallen keinen festen Standplatz mehr, wo sie anhalten und bis zur fahrplanmässigen Abfahrtszeit warten und wo Leute aus- und neue einsteigen können. Nein, die Postautos haben nur noch eine Fliesskante: Stop, Leute raus, Leute rein und fort.

Für die Passagiere bedeutet dies, bei jedem Wetter an der Fliesskante unmittelbar bis zur Abfahrtszeit auf das Postauto zu warten – und dann subito rein. Für die Chauffeure heisst dies, bei der Fahrt zum Bahnhof die Fahrgeschwindigkeit so zu wählen, um ohne Zusatzschlaufe möglichst nahe an der Abfahrtszeit an der Fliesskante einzutreffen. Fliesskante ist also eine Haltestelle, an der das Fahrzeug kurz hält, aber nicht wartet. Wenn es wartet, ist es nicht mehr eine Fliess-, sondern eine Haltekante. Und Kante heisst es voraussichtlich, weil das Auto nicht genau an einem festen Ort, eben an einer Stelle, sondern an einer langen Stelle, eben einer Kante, hält. So kreativ kann eine Baustelle sein und die Kreativität sogar in die Sprache einfliessen lassen.

*Der fiktive Röbi Rohner wohnt in Appenzell Ausserrhoden. Er ist ein sehr aufmerksamer Zeitungsleser. Immer wenn er sich freut oder ärgert, schreibt er der Redaktion ein E-Mail. Wir publizieren diese Mails.