Liebe Redaktion

Die Appenzeller Zeitung hat vor einiger Zeit einen dreiviertel Seiten grossen Artikel samt Foto über einen Postautochauffeur der Linie Heiden–St. Gallen– Engelburg gebracht. Seine Eigenschaften: Er ist aufgestellt, stets gut gelaunt und verteilt nebst guten Sprüchen auch Sugus.

Ihr Röbi Rohner
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Die Appenzeller Zeitung hat vor einiger Zeit einen dreiviertel Seiten grossen Artikel samt Foto über einen Postautochauffeur der Linie Heiden–St. Gallen– Engelburg gebracht. Seine Eigenschaften: Er ist aufgestellt, stets gut gelaunt und verteilt nebst guten Sprüchen auch Sugus. Ich mag es dem Rico Wattinger natürlich gönnen. Schliesslich hat er mich schon oft gefahren, und ich habe auch schon Sugus von ihm erhalten. Der Artikel zeigt aber auch, dass die Redaktoren der Appenzeller Zeitung eigentlich nie Postauto fahren und deshalb nicht wissen, dass es auf der Strecke Heiden–Engelburg knapp 50 Chauffeusen und Chauffeure gibt, die alle verantwortungsvoll, professionell und sicher – und meist auch fröhlich und freundlich – ihren Dienst erledigen und alle auch ihre Eigenschaften und Besonderheiten haben, deswegen aber in der Appenzeller Zeitung keine Aufmerksamkeit erhalten. Oder erst bei der Pensionierung.

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Ich hole deshalb Versäumtes nach und denke etwa an die zwei einzigen Frauen in diesem Team, jene mit den vielen Ringen am Arm und dem Kaugummi im Mund oder die Vorarlbergerin, Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern. Dank der regelmässig unregelmässigen Arbeitszeit und dem langfristigen Arbeitsplan kann sie mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, als wenn sie einen ordentlichen Acht-Stunden-Arbeitstag hätte.

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Ich erinnere mich an jenen jungen Chauffeur, der fast täglich das Postauto lenkt, daneben aber mit seinem 1600-ccm–Töff über alle Pässe und schon mal für einen Kaffee noch ins Tessin fährt und mit seinen Kollegen bereits über ein Dutzend Kreuzfahrten gemacht hat. Oder an seinen Dienstkollegen im besten Alter, der in seiner Freizeit Rennvelo fährt und zur Vorbereitung auf den Transalp (910 km und 20 000 Höhenmeter) Hunderte von Kilometern in Marokko abgespult hat und jetzt im Winter – nach dem Frühdienst – noch schnell nach Balderschwang fährt, um dort ein Langlauftraining zu absolvieren.

Ich denke an den Chauffeur mit dem schönsten Schnauz aller Fahrer und an jenen aus Unterrechstein, der jederzeit mit dem Velo oder zu Fuss zur Arbeit kommt, oder jenen aus Heiden, der das Berufspatent zum Fischen erworben hat und deshalb immer wieder in den Norden geht, an die beiden mittlerweile Pensionierten, den Schützen, der sich nie stressen lässt, die Gelassenheit und Ruhe selbst ist und immer einen Spruch drauf hat, und den Imker, der mit seinen Bienen schon mal ins Sanggaller Oberland zieht. Ich besinne mich an den Fahrer aus Oberegg, der das Elektrovelo entdeckt hat und mit seiner Frau quer durch die Schweiz geradelt ist, an den Engelburger, der stets pünktlich an den Ausgangspunkten ankommt, um noch eine Zigarette rauchen zu können, an den Herisauer mit den untypisch langen Haaren, der schon mal ziemlich laut denkt, über die Olma immer frei nimmt und seinen Emotionen hörbar freien Lauf lässt, an die Gruppe von Fahrern, die mindestens einmal pro Jahr von Heiden auf den Säntis wandern oder an den freundlichsten aller Chauffeure, der jeden und jede begrüsst, verabschiedet und allen einen guten Appetit wünscht und von dem jede Pore zeigt, wie gern er seine Arbeit ausführt.

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Liebe Redaktion, es gibt auf der Linie Heiden–Engelburg viele Wattingers in unterschiedlicher Ausprägung. Und gelegentlich bekommt man als regelmässiger Mitfahrer den Eindruck, dass sich ihre Fröhlichkeit und Freundlichkeit auf die Passagiere überträgt…

* Der fiktive Röbi Rohner ist ein aufmerksamer Zeitungsleser. Wenn er sich freut oder ärgert, schreibt er der Redaktion ein E-Mail.

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