Liebe, Helden und Spott vom Mittelalter

Begleitet von Drehleier, Fidel, Flöten und Trommel sang und erzählte das Micrologus im «Rössli» im Zyklus Kultur in Mogelsberg Lieder aus dem Mittelalter, unter anderem von Oswald von Wolkenstein und Walther von der Vogelweide.

Tanja Trauboth
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Micrologus entführten die Zuhörer ins Mittelalter: (von links) Ulrich Pfeifer mit Drehleier, Gabriele Russo mit Dudelsack oder Vielle, Goffredo Degli Esposti mit Flöte oder Trommel und Zufolo (einhändige Flöte). (Bild: Tanja Trauboth)

Micrologus entführten die Zuhörer ins Mittelalter: (von links) Ulrich Pfeifer mit Drehleier, Gabriele Russo mit Dudelsack oder Vielle, Goffredo Degli Esposti mit Flöte oder Trommel und Zufolo (einhändige Flöte). (Bild: Tanja Trauboth)

Mogelsberg. Der Samstagabend begann mit dem Umdrehen von Stühlen. «Heute gibt es eine Überraschung», kündigte Harry E. Eichholzer vom Kulturverein Mogelsberg an. Damit meinte er nicht die Bühnenkünstler Micrologus, die wenig später auftreten sollten, sondern sagte: «Schaut unter eure Stühle.» Die Gäste tasteten, fuhren mit den Fingern um die Unterseite herum, standen auf und hoben ihre Sitzgelegenheit hoch und starrten ungläubig auf gewöhnliche Holzflächen. An jedem Tisch fand sich aber jemand, der einen grossen Briefumschlag ablösen durfte.

Darin fanden sich zum Beispiel ein Spielplan und zwei Freikarten für das Chössi-Theater in Lichtensteig.

13. September ist Kleinkunsttag

Den 13. September, den Schweizer Tag der Kleinkunst, hatten acht Kleinkunsttheater aus den umliegenden Regionen zum Fest erklärt. Weil an diesem Tag in Mogelsberg keine Vorstellung war, verlegte der Kulturverein das Fest auf die Samstagsvorstellung. Jedes der acht Kleinkunsttheater hatte den sieben anderen zwei Freikarten beschert.

Diejenigen, die für den Kulturverein Mogelsberg bestimmt waren, waren nun unter die Stühle geklebt worden. Bei so vielen Bühnen auf kleinem Raum müssten diese darauf achten, dass nicht überall das Gleiche geboten werde, sagte Eichholzer. Micrologus ist anders als übliche Kleinkunst. Eichholzer selbst lernte die drei Musiker in ihrer Heimat Umbrien an einem Mittelalter Festival kennen.

Da habe es Reiterspiele gegeben und Essen, bei dem die Gäste die abgenagten Knochen hinter sich schmeissen durften, sagte der Kulturfreund.

Derb und zweideutig

So kam gleich die nächste Überraschung, ein eher flaues Gefühl im Magen, wie wenn man im Flugzeug durch ein Luftloch fliegt. Nach einem guten Essen im «Rössli», der erwähnten Begrüssung und Beschenkung, lehnten sich die Gäste zurück und freuten sich auf besinnliche Balladen, fröhliche Tanzmusik und

vielleicht noch ein paar Erklärungen zu den auf der Bühne liegenden wunderlich aussehenden Musikinstrumente. Und da hiess es, das Konzert werde abgesagt, weil die Musiker vergammeltes Fleisch gegessen hätten. Das erklärte jedenfalls der Hesse und Wahlumbrier Ulrich Pfeifer. Bevor er sich zu seinen Kollegen Goffredo Degli Esposti und Gabriele Russo auf die Toilette geselle, könne er gerade noch zwei traurige Weisen auf der Drehleier spielen.

Dann kamen sie doch, laut spielend mit Dudelsack und Flöte. Esposti schrie auf Italienisch. Pfeifer übersetzte: «Er sagt, es sind die Instrumente, auf denen wir spielen, die Durchfall verursachen.» Die Gäste waren nun vorbereitet. Die Musik war im Mittelalter kunstvoll, begleitet von mitschwingenden Bordunlauten. Die Texte waren derb, spöttisch, zweideutig, eine Art Vorläufer der Regenbogenpresse.

Einäugiger Sänger

Esposito drückte das linke Auge zu, zwinkerte und starrte verwegen aus dem rechten. Er mimte Oswald von Wolkenstein (1377 bis 1445), einäugiger Ritter, Politiker und Minnesänger aus Südtirol. Wie er wirklich sein Auge verloren hat, ist nicht sicher. Vielleicht wurde er so geboren. In einem Lied hat er sich eine eigene Legende zusammen gereimt.

Bei der Verteidigung seiner heimischen Burg Hauenstein sei ein Pfeil aus gegnerischer Armbrust ihm ins Auge «gepiert», so Pfeifers akzentuierter, ausdrucksvoller mittelhochdeutscher Sprechgesang. Es folgte ein Lied von einer Mäherin. Ritter Wolkenstein half ihr Gatter setzen. Sie sichelte, er hämmerte und schob die Gatter hin und her. Völlig harmlos und unschuldig, meinte Pfeifer, nur die Sichel hatte besonders feine Haare dran.

Über das Leben des Dichters Walther von der Vogelweide (1170 bis 1230) ist weniger bekannt als über den Haudegen Wolkenstein. Micrologus spielte das Lindenlied von ihm, eine süssliche Dichtung vom Schäferstündchen unter einer Linde. Weitere Stücke waren aus Carmina Burana, Kriegs- und Friedenslieder, ein Lied vom Eselsfest, dem Vorläufer der Fasnacht, als der Pöbel regierte und es in der Kirche Kot statt Hostien gab.