Liebe auf den letzten Blick

Geschafft! Gestern bin ich zum letztenmal eingestiegen. Ganz ehrlich, drei Jahre pendeln im Voralpen-Express sind genug. Über die Zeit entwickelt man eine eigentümliche Hassliebe zu diesem Vehikel. Ob mehr Hass oder mehr Liebe, weiss ich nicht. Wie auch immer.

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Geschafft! Gestern bin ich zum letztenmal eingestiegen. Ganz ehrlich, drei Jahre pendeln im Voralpen-Express sind genug. Über die Zeit entwickelt man eine eigentümliche Hassliebe zu diesem Vehikel. Ob mehr Hass oder mehr Liebe, weiss ich nicht. Wie auch immer. Dieser Zug ist eigentlich eine Zumutung. Eng, laut, überfüllt, meist zu heiss oder zu kalt, öfter mal verspätet und überhaupt recht eigenwillig. Manchmal regnet es rein, manchmal fällt das Licht aus, manchmal klappern die Fenster so heftig, dass man fürchtet, sie könnten rausspringen. Vor allem aber passieren in diesem Zug die wunderlichsten Geschichten.

Ein interessanterweise immer wiederkehrendes Thema sind kosmetische Angelegenheiten. Da gab es die Dame, die sich mitten im Hochsommer am ganzen Körper mit Margarine einrieb (es war Bio-Margarine, die von Coop Naturaplan in dieser praktischen Schale, die sich in der Handtasche transportieren lässt). Ein andermal wurde ich von einem energischen älteren Herrn über Gesichtspflege aufgeklärt. Er beharrte darauf, dass all die Feuchtigkeitscrèmes Gift seien und man sich besser allmorgendlich ein bisschen Schnaps ins Gesicht reiben sollte. Er selbst sei das beste Beispiel für die Wirksamkeit dieser Therapie.

Ja, manchmal dachte ich, dieser Zug ist die Gesellschaft «en miniature» – gezwungen, auf engem Raum miteinander klarzukommen. Das funktioniert ja selten reibungslos. In diesen drei Jahren wurde ich mit Schulheften beworfen, der bodenlosen Dummheit und Blauäugigkeit bezichtigt (es ging um angeblich immer schwarzfahrende Asylanten), ich wurde grundlos beschimpft, mit überlauter Musik und Gequassel gequält oder ungewollt mit intimen Details aus fremden Leben konfrontiert.

Es gibt aber auch die andere Seite: Ich hatte in diesem Zug viel Zeit, um gedankenverloren wechselnde Landschaften, Morgenstimmungen und Sonnenuntergänge zu betrachten. Ich wurde angelächelt, freundlich begrüsst oder verabschiedet, ich habe mit rührigen älteren Damen geplaudert, habe heiteren und traurigen Geschichten gelauscht.

Wenn ich es mir so überlege: Vielleicht sind es in Wahrheit die Fahrgäste, die den Voralpen-Express zu einem so eigensinnigen Zug machen. Eben hab ich mich entschieden: Es ist wohl doch eine Liebe, wenn auch eine leise, eine, die erst mit der Zeit wächst; eine auf den letzten Blick.

Corina Vuilleumier

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