LICHTENSTEIG/ST.GALLEN: Toggenburger machen das Open Air sicher

Auch wenn es bereits vorbei ist: Ein Aspekt des Open Airs gehört jedes Jahr von neuem «nur» den Toggenburgern. Denn der Sicherheitsdienst Sitter kontrolliert dessen Eingänge. Speziell daran: Der Sidi-Sitter ist aus einem Club für Kampfkunst entstanden.

Miranda Diggelmann
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Der Sidi-Sitter sorgt mit seinen Truppen seit mehr als 30 Jahren für Sicherheit beim Ost- und Helfereingang des Open Air-St. Gallen. (Bild: Miranda Diggelmann)

Der Sidi-Sitter sorgt mit seinen Truppen seit mehr als 30 Jahren für Sicherheit beim Ost- und Helfereingang des Open Air-St. Gallen. (Bild: Miranda Diggelmann)

Miranda Diggelmann

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Am Open-Air-Donnerstag, pünktlich um 19 Uhr, informiert der Chef des Sidi-Sitter, Philipp Dremmel, seine Truppe. Die rund 150 Mitglieder, die jedes Jahr dabei sind, sitzen im Kreis versammelt und hören aufmerksam zu. «Gründlich das Gepäck nach unerlaubten Objekten wie Drogen, Pyros, Dosen jeglicher Art, Glas und Waffen, etwa grossen Messern, kontrollieren», heisst es seitens des Chefs. Wenn sich jemand auffällig verhalte oder das Gepäckstück ausserordentlich wirkt, müsse der Besucher unbedingt gefilzt werden, wird instruiert. Dabei sei wichtig, dass jeweils zwei Sicherheitsleute gleichzeitig kontrollieren – jemand tastet ab und jemand passt auf. «Womöglich rettet euch der Aufpasser das Leben. Wagt es also nicht, alleine zu filzen», warnt Dremmel seine Crew. Auch das Konsumieren von Drogen oder Alkohol ist den Sicherheitsleuten während der Arbeit strengstens untersagt. Etwas ausserhalb der Toggenburger Runde ist eine Frau zu beobachten, die alle Anweisungen auf Gebärdensprache übersetzt. Der Sidi-Sitter hat nämlich auch drei gehörbehinderte Mitglieder.
 

Vom Kampfkünstler zum Hüter der Öffentlichkeit

Der Sicherheitsdienst Sitter ist für die Eingangskontrolle am Open Air St. Gallen zuständig, und das bereits seit über 30 Jahren. 1985 wurde der Sicherheitsdienst von vier Männern des Budoclubs Toggenburg gegründet. Der Budoclub ist ein Kampfsportverein mit Hauptsitz in Lichtensteig, welcher Judo, Karate und Jiu-Jitsu anbietet. Wegen mangelnder Sicherheitsleute hat das OK des Open Air St. Gallen den Budoclub vor 32 Jahren angefragt, ob er die Funktion eines Sicherheitsdienstes übernehmen würde. Und so gründete der Budoclub Toggenburg den Sidi-Sitter, der seit damals jedes Jahr – neben vielen anderen Sicherheitsdiensten – beim St. Galler Open Air dabei ist.

Anfänglich war der Sidi-Sitter lediglich für die Kontrolle und Überwachung der «grünen Grenze», also der Geländegrenze auf Seite der Sitter, zuständig – deshalb auch der Name «Sidi-Sitter». Unterdessen kontrolliert der Toggenburger Sicherheitsdienst nicht nur die Sitter-Grenze, sondern auch den Ost-Eingang und den Helfereingang. Nicht nur die Aufgaben des Sidi-Sitter haben mit den Jahren zugenommen, sondern auch seine Mitgliederzahl. Davon sind heute noch immer mehr als die Hälfte waschechte Toggenburger und ausserdem Mitglieder des Budoclubs. Ihr jährlicher Einsatz am Musikfestival ist so gut wie freiwillig: Sie kriegen ein T-Shirt, einen Open-Air-Eintritt und einen ganz kleinen Geldbetrag auf den Cashless-Bändel.

«Unsere Sicherheitsleute werden nach ihrer harten Arbeit immer mit leckerem Essen belohnt», erzählt der stellvertretende Chef Martin Koch. Das Sidi-Sitter-Camp, das jeweils schon mehrere Tage vor Festivalbeginn ausserhalb des Geländes aufgebaut wird, bietet so einiges: einen Koch, der rund um die Uhr verschiedenste Menüs zubereitet, ein riesiges Zelt aus Blachen, das vor Wind und Nässe schützt, ein Büro, einen Aufenthaltsraum, Toiletten, eine Dusche und sogar ein kleines Massagezelt, in dem man sich bei der campeigenen Masseurin nach einem langen Arbeitstag entspannen kann. «Unsere Helfer freuen sich immer auf die Open-Air-Zeit. Unser Camp ist ja auch schon fast ein Luxus», sagt Martin Koch. Unter anderem aus diesem Grund sei der Sidi-Sitter auch jedes Jahr so gut wie vollzählig.

Die Mehrheit der 150 Mitglieder haben einen Grundkurs im Sicherheitsdienst abgeschlossen, vor allem jene, die schon mehrere Jahre dabei sind. Der Grundkurs, der Fächer wie Kommunikation, Rechtskunde, Sozialkompetenz und den Nothelferkurs beinhaltet, wird vom Open Air St. Gallen bezahlt. «Wir legen unseren Helfern nahe, den Kurs zu besuchen. Absolute Sicherheit zu gewährleisten, ist für uns schliesslich das A und O», sagt Martin Koch.
 

Die Eingangskontrolle erfordert viel Konzentration

Im Sicherheitsdienst ausgebildet zu sein, ist oft von grossem Vorteil für einen Sidi-Sitter-Helfer, auch wenn es nur selten zu brenzligen Situationen kommt. Nachdem die Helfer am ersten Abend des St. Galler Musikfestivals detailliert in ihre Aufgaben an der Eingangskontrolle eingeführt wurden, begeben sie sich gruppenweise zum Ost- und Helfereingang. «Die Eingangskontrolle fordert von unseren Helfern viel Konzentration und Fokus ab, weshalb wir lediglich in Zwei-Stunden-Schichten arbeiten», erklärt Martin Koch. Die Aufgaben sind nun klar: Gepäckstücke gründlich und trotzdem zügig kontrollieren. Schliesslich soll es vorwärts gehen. Ob es unfreundliche Besucher gibt? «Ja, manchmal. Aber das nehmen wir mit Humor», sagt eine Helferin. Es gebe auch Leute, die bei der Frage nach verbotenen Gegenständen lügen. Auch das müsse man nicht persönlich nehmen. Andere würden es schlicht und einfach vergessen, dass sie noch eine Dose oder eine Glasflasche bei sich haben. «Viel Aufregendes erleben wir hier nicht. Vielleicht aber auch zum Glück», sagt ein anderer Helfer.

Gefährlichen Situationen sind die meisten Sicherheitsleute hier am Open Air noch nie begegnet. Lustige Szenen gebe es jedoch oft, vor allem bei den Nachtschichten, wenn sich witzige Gespräche mit betrunkenen Open-Air-Besuchern ergeben. «Uns allen macht die teils kräftezerrende Arbeit schliesslich auch sehr viel Spass», sagt Martin Koch.

Nach vier Tagen Kontrolle, Bewachung, Schlafmanko, Spass, Konzentration, Fokus und zwischendurch auch einigen Konzertbesuchen räumt der Sidi-Sitter wieder sein Lager und kehrt ins Toggenburg zurück. Tschüss und danke, Sittertobel. Bis zum nächsten Jahr.