LICHTENSTEIG: Sechs Diebstähle am gleichen Ort

Vor dem Kreisgericht Toggenburg musste sich ein in der Ostschweiz lebender Italiener wegen des Vorwurfs des gewerbsmässigen Diebstahls in über 30 Fällen verantworten.

Martin Knoepfel
Drucken
Teilen
Bei einem Objekt lässt der Dieb einen Passepartout-Schlüssel mitgehen und kann bei späteren Gelegenheiten ins Haus gelangen, ohne Lärm zu verursachen.Symboldbild (Bild: : PD)

Bei einem Objekt lässt der Dieb einen Passepartout-Schlüssel mitgehen und kann bei späteren Gelegenheiten ins Haus gelangen, ohne Lärm zu verursachen.Symboldbild (Bild: : PD)

Martin Knoepfel

martin.knoepfel@toggenburgmedien.ch

Einige Häuser sucht der Dieb mehrfach heim. Die Spitze dieser Rangliste hält das Berggasthaus Ruhesitz in Brülisau mit sechs «Besuchen». Die Anklageschrift führt 36 Fälle unter anderem in Bächli, Hemberg, Kirchberg, Müselbach und Tufertschwil auf. Andere Delikte sind Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und Pornografie, je mehrfach begangen. Am Dienstag hat sich das Kreisgericht Toggenburg in Lichtensteig mit diesem Fall befasst.

Der Angeklagte ist ein in der Schweiz geborener und einschlägig vorbestrafter Italiener. Er hat die Niederlassungsbewilligung. Die Eltern sind in die Heimat zurückgekehrt. Die Schwestern leben in der Ostschweiz. Als Kind verbringt der Angeklagte zehn Jahre in einem kantonalen Heim. Der heute 39-Jährige hat eine Lehre abgebrochen. Als Beruf nennt er Magaziner. Zuletzt lebt er von RAV-Geldern und der Sozialhilfe. Jetzt ist er im vorzeitigen Strafvollzug, ein Kantonspolizist bringt ihn nach Lichtensteig.

Geldmangel als Erklärung für Diebstähle

Am Widerruf des Geständnisses hält der Italiener fest, die Diebstähle im «Ruhesitz» ausgenommen. Er sagt, man habe ihn zum Geständnis verleitet, als man ihm mit einer weiteren, langen Untersuchung mit 3D-Scanning gedroht habe (siehe Zusatz). Meist verweigert er die Aussage. Er wirkt zeitweise gelangweilt und fläzt sich im Stuhl. Die Diebstähle erklärt er mit Geldmangel. Zum Schluss bittet er um Entschuldigung für den Stress, den er verursacht habe. Er sagt, dass er noch nie so lang im Gefängnis gesessen habe. Mit der Untersuchungshaft sind es 16 Monate.

Die Einbrüche finden zwischen März 2012 und Dezember 2016, als der Mann nach dem sechsten Diebstahl im «Ruhesitz» verhaftet wird, statt. Der Angeklagte sei mit grosser Akribie vorgegangen. Die Beute betrage rund 40000 Franken, sagt der Staatsanwalt und rechnet vor, dass das monatlich ein Zusatzeinkommen von rund 1000 Franken ergibt. Somit sei gewerbsmässiger Diebstahl gegeben.

Das Geld geht für den Ausgang, für Besuche in Sex-Salons und für Ferien drauf, da das Einkommen aus Arbeit und Sozialhilfe nicht reicht. Den Tatbestand der Pornografie erfüllt ein Kurzfilm auf dem Smartphone des Angeklagten, der Sex mit einem Tier zeigt und den der Angeklagte weiterleitet.

Der Staatsanwalt beantragt vier Jahre Gefängnis, eine Geldstrafe von 60 mal 30 Franken und Landesverweisung gegen den Angeklagten. Es gebe keinen Zweifel an der Täterschaft. Die Geständnisse seien verwertbar, und alle Einbrüche seien nach dem gleichen Muster begangen worden, sagt er. Der Angeklagte sei besonders dreist, indem er lohnende Objekte mehrmals aufgesucht und bewohnte Häuser nicht verschmäht habe. Es gebe keinen Grund, zu glauben, der Angeklagte würde Einbrüche gestehen, die ein anderer begangen habe, sagt der Staatsanwalt. Er stellt dem Italiener eine schlechte Prognose, da dieser in steigender Intensität delinquiert und die jüngste Serie mit über 30 Diebstählen wenige Monate nach der Haftentlassung wegen einer Serie von 17 Diebstählen begonnen habe. Der Staatsanwalt sieht darin den Beweis, dass der Angeklagte stark rückfallgefährdet ist.

Entschädigung für zu lange Haft beantragt

Der Verteidiger beantragt, seinen Mandanten wegen der Einbrüche im «Ruhesitz», wegen Sachbeschädigung und wegen Pornografie schuldig zu sprechen. Die übrigen Geständnisse seien nicht verwertbar. Videoaufnahmen oder DNA-Spuren liessen keinen Schluss auf den Täter zu, sagt der Verteidiger. Er hält zehn Monate Freiheitsstrafe für angemessen. Da sein Mandant länger im Gefängnis sitze, sei eine Entschädigung für die «Überhaft» auszuzuzahlen, sagt der Anwalt und nennt unter Verweis auf das Bundesgericht einen Betrag von 200 Franken pro Tag.

Weiter weist der Verteidiger auf die schwere Kindheit des Angeklagten hin. Im Kinderheim habe dieser lernen müssen, sich selber Respekt zu verschaffen. Deshalb sei es später oft zu Konflikten mit Vorgesetzten gekommen, wenn der Angeklagte sich nicht respektiert fühlte. Wegen häufiger Stellenwechsel finde sein Mandant heute keine Stelle mehr, sagt der Anwalt. Der Strafantrag des Staatsanwalts sei viel zu hoch. Die Vorstrafen führten zur Erhöhung um anderthalb Jahre. Das komme einer Doppelbestrafung gleich, sagt der Anwalt. Das Urteil steht noch aus.