LICHTENSTEIG: «Riesige kriminelle Energie»

Das Kreisgericht verurteilt eine Frau wegen gewerbsmässigen Betrugs, versuchter Brandstiftung und weiterer Delikten zu drei Jahren Gefängnis. Zwei Jahre sind bedingt ausgesprochen, der Rest unbedingt.

Martin Knoepfel
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Eine Frau wurde vom Kreisgericht verurteilt, weil sie unter anderem zwei Männern Liebe vorgegaukelt und sie um einen hohen fünfstelligen Frankenbetrag betrogen hatte (Symbolbild: Fotolia (31.10.2012))

Eine Frau wurde vom Kreisgericht verurteilt, weil sie unter anderem zwei Männern Liebe vorgegaukelt und sie um einen hohen fünfstelligen Frankenbetrag betrogen hatte (Symbolbild: Fotolia (31.10.2012))

Martin Knoepfel

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@toggenburgmedien.ch

Fast 80000 Franken übergibt der Thurgauer 2012 der Angeklagten als Darlehen. Es sind seine Ersparnisse aus einer IV-Rente und einer Teilzeitarbeit. Als er kein Geld mehr hat, verkauft er Wertpapiere, um die Geldwünsche der Angeklagten zu befriedigen. Der 37-jährige Thurgauer ist verliebt in die Frau, die er über eine Kontaktanzeige im Sat-1-Teletext kennen gelernt hat.

Die Frau spiegelt ihm, wie sie selber vor Gericht sagt, Liebe nur vor. Sie ist verheiratet, pflegt eine weitere Beziehung und prostituiert sich seit 2007 gelegentlich. Ihre Geldwünsche erklärt sie mit Krankheit und Schicksalsschlägen. Sie lügt dem Thurgauer auch vor, berufstätig zu sein und in Deutschland ein Konto zu haben. Der Thurgauer glaubt das und vertraut darauf, dass er sein Geld zurückbekommt. Mit dem Geld finanziert die Angeklagte ihren Lebensunterhalt. Das erfüllt laut Staatsanwaltschaft den Tatbestand des gewerbsmässigen Betrugs, da die Angeklagte sonst fast kein Einkommen hat.

Zweimal Schwangerschaft vorgetäuscht

Das Gleiche gilt für den Fall eines Aargauers, den die Angeklagte über eine weitere Kontaktanzeige kennen lernt. Ihm gaukelt die Frau zweimal eine Schwangerschaft vor. Beim ersten Mal verliert sie angeblich Zwillinge, weil sie vom Ex-Mann und vom Ex-Freund zusammengeschlagen worden sei. Bei der nächsten vorgetäuschten Schwangerschaft erhält die Frau von der Schwiegermutter in spe 2300 Franken als Darlehen für den Kauf eines Kinderwagens, verwendet das Geld aber wiederum für sich. Als die Familie das vermeintliche Baby sehen will, gibt die Frau das Kind einer Bekannten als ihr eigenes aus. Später «stirbt» es plötzlich.

Am Montagmorgen hat sich die Angeklagte, eine aus Südasien stammende Schweizer Hausfrau mit Jahrgang 1982, vor dem Kreisgericht in Lichtensteig verantworten müssen. Die Liste der Delikte umfasst neben den Betrügereien unter anderem versuchte Brandstiftung, Drohung, falsche Anschuldigung, einfache Körperverletzung und Pfändungsbetrug. Die Frau ist mehrfach vorbestraft. Sie hat keinen Beruf erlernt. Sie und ihr Mann haben rund 50000 Franken Schulden. Sie wolle Arbeit suchen – bisher ist sie krankheitshalber arbeitsunfähig gewesen – und die Schulden zurückzahlen, sagt sie. Zu den beiden Betrugsopfern hat sie keinen Kontakt mehr. Sie beantwortet die Fragen des vorsitzenden Richters leise und einsilbig, bestätigt aber die Vorwürfe der Anklageschrift.

Ein Mann, mit dem die Angeklagte seit 2010 eine Beziehung hat und der sie oft chauffiert, wird 2014 im Wald bei Kappel (ZH) von einem Unbekannten überfallen. Der Angreifer ist ein anderer Geliebter der Angeklagten. Er glaubt, sein Kontrahent sei der gewalttätige Stiefbruder der Frau, vor dem er sie beschützen müsse. Das Resultat sind diverse Blutergüsse beim Angriffsopfer. Die Frau sagt, sie habe nicht mit diesem Ausgang gerechnet.

«Du Penner, dein Baby gibt es bald nicht mehr»

Anfang 2013 schickt die Angeklagte ihrem Mann vom Handy des Thurgauers zwei SMS mit Todesdrohungen gegen sich, zersticht Pneus am einen Auto ihres Mannes und steckt eine im anderen Auto liegende Jacke in Brand. Der Polizei sagt die Angeklagte, eine Ex-Freundin des Mannes stecke hinter den Vorfällen. Vor Gericht sagt die Angeklagte, dass die Ex-Freundin immer wieder «Terror» gemacht habe. Ihren Mann beschuldigt die Angeklagte, er habe sie geschlagen und den Grossteil des von den Freiern bezahlten Lohns kassiert. Das erweist sich als falsch. Die Frau erklärt ihre Aussage damit, dass ihr Mann sie nicht verstand. Die beiden lassen sich 2013 scheiden und heiraten später wieder. Mehrmals wird die Frau erfolglos gepfändet. Sie verschweigt dem Betreibungsamt Einnahmen aus der Prostitution und aus dem Verkauf von Landwirtschaftsgeräten, was als Pfändungsbetrug gilt.

Die Angeklagte habe aus früheren Vorstrafen nichts gelernt. Sie zeige keine Reue und sei in der Untersuchungshaft nicht kooperativ gewesen, sagt die Staatsanwältin. Bei der versuchten Brandstiftung habe die Angeklagte eine Explosion des Benzintanks des Autos in Kauf genommen. Es gebe viele Adoptivkinder mit Schulproblemen, die nicht kriminell würden. Die Angeklagte sei bei den Betrügereien planmässig vorgegangen und habe so viel Zeit in die Lügengeschichten investiert, dass sie auch Vollzeit hätte arbeiten können, sagt die Staatsanwältin.

Die Verteidigerin beantragt eine bedingte Strafe von 22 Monaten. Sie anerkennt alle Vorwürfe, die Körperverletzung ausgenommen. Hier bittet sie um einen Freispruch, da ihre Mandantin nur eine Aussprache der beiden Männer gewollt habe. Weiter verweist die Verteidigerin auf die schwierige Kindheit ihrer Mandantin, die gelogen habe, um Anerkennung zu finden, und diese Geschichten teilweise als Realität empfunden habe. Die Lügen seien spontan erfolgt und hätten immer neue Lügen nötig gemacht, um den Schein zu wahren, sagt die Verteidigerin. Die Angeklagte sagt, sie wolle sich jetzt bei ihren Opfern entschuldigen und das Geld zurückzahlen.

Probezeit von vier Jahren für den bedingten Teil

Das Kreisgericht spricht die Angeklagte in allen Punkten schuldig und verhängt eine dreijährige Freiheitsstrafe. Zwei Jahre werden bedingt erlassen mit vier Jahren Probezeit. Ein Jahr – minus 27 Tage Untersuchungshaft – muss die Frau absitzen. Das Gericht sei sicher, dass sich die Taten so zugetragen hätten, wie in der Anklageschrift geschildert und von der Angeklagten eingestanden, sagt der vorsitzende Richter. Die kriminelle Energie sei riesig.

Es handle sich nicht um spontane, sondern um geplante Taten. Bei der Körperverletzung sei die Angeklagte Mittäterin, obwohl sie nicht zugeschlagen habe. Ihr Beitrag an die Ausführung der Tat sei so wichtig gewesen, dass die Tat nicht ohne diese Mithilfe hätte stattfinden können. Er sei überzeugt, dass ein Teil der Strafe verbüsst werden müsse, sagte der vorsitzende Richter. Die Angeklagte müsse bei neuen Delikten in der Probezeit, etwa Fahren ohne Führerausweis, damit rechnen, die bedingt ausgesprochenen 24 Monate abzusitzen.