LIBINGEN: Gemeinsam geht es leichter

Das Projekt «Zäme-Wachse» begleitet Asylsuchende im Alltag. Tanja Leu aus Mosnang ist seit Beginn dabei und begleitet eine kleine Familie aus Eritrea.

Delia Hug
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Die alleinerziehende Mutter Alganisch und Betreuerin Tanja Leu mit den Kindern Eden, Semret (von links) und Nabia (vorne). (Bild: Delia Hug)

Die alleinerziehende Mutter Alganisch und Betreuerin Tanja Leu mit den Kindern Eden, Semret (von links) und Nabia (vorne). (Bild: Delia Hug)

Delia Hug

delia.hug@toggenburgmedien.ch

Eden, eine biblische Bezeichnung für das Paradies. Doch Eden ist ein Mädchen und zwölf Jahre alt und so schön der Name klingen mag, so traurig müssen die vergangenen Jahre auf der Flucht von Eritrea in die Schweiz gewesen sein. Über dieses Kapitel redet die Familie, die nun in Libingen ihr neues Zuhause hat, nur sehr selten.

Kaum sitzt man im Wohnzimmer, ist die ganze Familie bemüht um das Wohlbefinden des Gastes. Mutter Alganisch stellt schnurstracks zwei Gläser auf den Tisch, einmal mit Wasser, das andere mit Cola. Eden hat den Job der Dolmetscherin für die Familie übernommen. «Sie ist sehr begabt in Sprachen. Obwohl sie erst seit einem Jahr in der Schweiz ist und seit sechs Monaten die Schule besucht, versteht sie bereits fast alles», zeigt sich Betreuerin Tanja Leu begeistert. Ansonsten reichen Leu, die selber auch eine Familie hat, Hände und Füsse zur Verständigung. Noch etwas schüchtern erzählt Eden von ihrem neuen Leben in Libingen.

«Alle Schweizer gehen wandern, wir gehen auch»

Semret, 11 Jahre, und Eden besuchen die Integrationsschule in Bazenheid. Ihre jüngere Schwester Nabia, 7 Jahre, kann nach den Sommerferien in die reguläre erste Klasse eingeschult werden. Mama Alganisch büffelt zweimal in der Woche Deutsch in einem Kurs. Daheim versucht sie, ihren Haushalt nach Schweizermanier perfekt sauber zu halten. So machen das auch die Kinder, die täglich ihr Bett machen und Ordnung im Zimmer haben. «Mein Sohn könnte sich in dieser Sache mal eine Scheibe abschneiden», vermerkt Tanja Leu lächelnd. Was für uns selbstverständlich ist, hat Tanja Leu der Familie aus Eritrea gezeigt und erklärt. Fliessend Wasser, Kochen ohne Feuer und Licht per Knopfdruck.

Bereits der erste Besuch stellte die Familie vor eine Herausforderung. Was tun, wenn es an der Türe klingelt? Leu erinnert sich: «Ich habe zweimal geklingelt und niemand öffnete die Türe. Denn wie so vieles kannten sie keine Klingel in Eritrea.» Einkaufen wurde zu einem grossen Abenteuer. Leu begleitete die Familie anfangs im Dschungel der Lebensmittel und Marken. «Damit sie nicht ihr ganzes Haushaltsbudget auf den Kopf hauen, habe ich das Logo einer Billiglinie ausgedruckt. Ich sagte, sie sollen Sachen von dieser Marke kaufen.» Eden weiss, dass ihre Mutter keine Buchstaben und Zahlen lesen kann. «Mama streckt der Kassiererin dann einfach eine Note entgegen und wenn die Kassiererin wartet, gibt sie halt noch eine», erklärt Eden in beinahe akzentfreier Schriftsprache. Die Schweizer Kost schmeckt noch nicht allen gleich gut. Eden bevorzugt Mamas Küche, Semret hingegen ist schon zu einer echten Schweizer Feinschmeckerin geworden. «Semret mag Würste sehr, ich überhaupt nicht», meint Eden. An einem Fest habe sie ganze vier Bratwürste verdrückt.

In Libingen haben die Kinder oft Wanderer beobachtet. Was für uns Schweizer Freizeit ist, ist in Eritrea ein tägliches Ritual. Zwei Stunden liefen die Kinder, um vier Kanister mit Wasser zu befüllen. «Wir wollten auch wandern», sagt Eden. Und weil in der Schweiz kaum jemand barfuss läuft, mussten Schuhe her, Wander-, Sport- und Winterschuhe, und natürlich Finken für die Schule. Die Schweiz, ein Land, wo jeder Wochentag durchorganisiert ist und jeder Geburtstag gefeiert wird. Für die Familie aus Eritrea Neuland, sie hatten weder Montag noch Dienstag, geschweige denn Geburtstag. Wie viele Asylbewerber hat Mama Alganisch das Geburtsdatum 1. Januar erhalten. Auch die Zahlen ihres Geburtsjahres scheinen durcheinander geraten zu sein, deshalb weiss niemand genau, wie alt sie ist.

Aus einem Projekt wurde schnell Freundschaft

Als Tanja Leu von diesem Projekt hörte, brauchte es keine Überzeugungsarbeit mehr. «Ausserdem wollte ich anderen Leuten beweisen, dass auch diese Menschen ‹nur› Menschen wie du und ich sind», erklärt die Betreuerin. Anfangs habe sie einige kritische Kommentare von ihrem Umfeld anhören müssen, doch nach einem ersten Kontakt mit der Familie seien die meisten Zweifler von der Herzlichkeit und Gastfreundschaft überwältigt.

Tanja Leu besucht die Familie mindestens einmal in der Woche. Kürzlich hat die Familie Zuwachs bekommen. Mili, ein junges Kätzchen, bekamen sie von den Nachbarn geschenkt. In Eritrea hatten sie Kühe und Ziegen. Den Alltag meistern die vier jedoch fast alleine. Hilfe brauchen sie oft nur noch beim Lesen der Briefe. «Ich sehe mich auch nicht als Betreuerin, sondern vielmehr als Freundin der Familie», äussert sich Leu. Bei wichtigen Angelegenheiten kommt ein Dolmetscher vorbei.

Die Betreuerin wisse oft gar nicht, was sie der Familie noch zeigen solle. Sie sagt: «Die Kinder sind sehr anständig und sagen oft einfach so danke. Sie teilen alles mit jedem. Eden sagte einmal zu mir, Tanja, du bist wunderbar.» Das war für Tanja Leu eines der schönsten Komplimente.