«Letzte Lebensmonate sind teuer»

An der Abstimmungsveranstaltung zum Thema «Für eine öffentliche Krankenkasse» haben drei Politikerinnen und ein Arzt den Interessierten die Argumente für und gegen die Initiative vorgestellt. Bei der anschliessenden Diskussion trat mehrheitlich eine ablehnende Haltung zu Tage.

Beatrice Bollhalder
Drucken

BÜTSCHWIL. Die Ortsparteien SVP, FDP und SP von Bütschwil-Ganterschwil haben auf den Donnerstagabend zu einer Abstimmungsveranstaltung ins Restaurant Hirschen eingeladen. Unter der Leitung von Marina Winder, einer Inland-Redaktorin der Tagblatt-Medien, kreuzten die St. Galler Ständerätin Karin Keller-Sutter und der Präsident der Schweizer Vereinigung der Belegärzte, Alexander Zehntner (beide kontra) die Klingen mit den St. Galler Nationalrätinnen Barbara Gysi und Yvonne Gilli (beide pro). Barbara Gysi erläuterte den Zweck der eidgenössischen Volksinitiative, mit der eine Einheitskrankenkasse geschaffen werden soll. «Die Krankenkasse soll mit einer einzigen – statt der heute über 60 privat organisierten Kassen – in Zukunft einfacher, gerechter und günstiger werden», sagte die Wiler SP-Nationalrätin.

Verwaltungskosten einsparen

Der Trägerverein, der die Initiative lanciert habe, möchte kantonale Agenturen einführen, die jeweils die Prämien festlegen würden. Damit sei man nicht zu weit von den Leuten weg, erklärte sie weiter. Sie hielt fest, dass man die Kinderprämien und auch die verschiedenen Rabattmodelle beibehalten wolle. Zudem könne mit einer einzigen Krankenkasse die Transparenz erhöht werden. Die Initiative betreffe nur die obligatorische Grundversicherung, die Zusatzversicherungen würden nicht tangiert. Barbara Gysi glaubt, dass mit einer einzigen Verwaltung Kosten eingespart werden können. Die hohen Kosten für die Werbung könnten gesenkt und die oft störenden Werbeanrufe beseitigt werden. Yvonne Gilli, die sich ebenfalls für eine Einheitskrankenkasse engagiert, denkt, dass das Augenmerk künftig mehr auf die Qualität der Leistungen gerichtet wird. «Heute ist es oft so, dass die Krankenkasse gesunde Menschen anlockt, und wenn sie dann krank werden, wird versucht, diese wieder abzuschieben», erklärte Yvonne Gilli. Mit schikanösen Massnahmen, wie verzögerten Kostenübernahmen oder Rückzahlungen, die hinausgezögert werden, bewegt man sie zu einem Kassenwechsel. Die Grundversicherung erhält mit einer Einheitskasse eine andere Rechtsform. Neben der öffentlichen Hand würden auch die Patienteninteressen und jene der Leistungserbringer vertreten sein. «Um wie viel die Krankenkassenprämie in diesem Herbst wieder steigt, hängt mit der Versichertenstruktur der jeweiligen Kasse zusammen – und nicht mit den Kosten, die angefallen sind. Und dies würde mit einer einzigen Krankenkasse geändert», hielt die Wiler Ärztin fest. Sie gab ausserdem zu bedenken, dass 90 Prozent der Krankheitskosten in den letzten Monaten eines Menschen entstehen, egal wie alt er werde.

Sparen durch Leistungsabbau

Karin Keller-Sutter nennt das Versprechen, mit einer Einheitskasse könnte die Prämienexplosion gestoppt werden, schlicht eine Illusion. «Heute fliessen von 100 Franken 95 in die medizinische Leistung. Nur gerade fünf Prozent werden für die Verwaltung und die Werbung aufgewendet», erläuterte die Ständerätin. Zudem würde allein die Umstellung rund zwei Milliarden Franken verschlingen, die vom Prämien- und vom Steuerzahler berappt werden müssten. Die Prämien, die heute regional, zukünftig aber kantonal festgelegt würden, brächten der ländlichen Bevölkerung eine Erhöhung, nimmt Karin Keller-Sutter an. Und sie geht sogar noch weiter, sie vermutet nämlich, dass bereits in kurzer Zeit das starke Ost-West-Gefälle der Krankenkassenprämie auch angepasst werden würde. Eine Kosteneinsparung könne nur über einen Leistungsabbau erfolgen, ist sie überzeugt. «Und wer will das schon? Die eigene Anspruchshaltung müsste überdacht werden. Jeder möchte doch sofort behandelt oder operiert werden», gab sie zu bedenken. Der medizinische Fortschritt sei verantwortlich, dass die Menschen immer älter werden und in den vergangenen Jahren die Kosten übermässig gestiegen sind, ist sie überzeugt.

«Einheitskasse ist Scheinlösung»

Ausländische Einheitskassen, die meist verschuldet sind, zeigen auf, dass dies keine optimale Lösung ist. Karin Keller-Sutter glaubt zudem, dass eine Monopolkasse für acht Millionen Einwohner keinen Anreiz verspüre, sich kundenfreundlich zu verhalten und die Qualität darunter leiden würde. «Mir ist es sehr wichtig, dass ich die Kasse wechseln kann, wenn ich mit deren Leistung nicht zufrieden bin», liess sie verlauten. Alexander Zehntner glaubt auch, dass es keine weitere staatliche Regulierung brauche. «Die geforderte Einheitskasse ist nur eine Scheinlösung», ist er überzeugt. Dem von den Befürwortern vorgebrachten Vergleich mit der Suva kann er nicht beipflichten, denn diese Organisation sei nicht für alle da. Er brachte mit der Handels- und Gewerbefreiheit ein Thema in die Runde, das bisher nicht beleuchtet worden ist. Wenn nämlich die bisherigen Krankenkassen um die Grundversicherung gebracht würden, könnten langwierige Rechtsstreite entstehen. Die Befürworterinnen hielten diesem Votum entgegen, dass die Kassen ja weiterhin im Zusatzversicherungsgeschäft tätig sein können. Einig waren sich auf dem Podium aber alle, dass es im Gesundheitswesen noch einige Baustellen gäbe, bei denen heute falsche Anreize gesetzt würden und die dringend ausgemerzt werden müssen.

Schulden für nächste Generation

Ein Teilnehmer des Anlasses ist gegen die Initiative, weil die Auswahl dann fehle. Er würde sogar eine weitere Kasse gründen, die sich hauptsächlich der Komplementärmedizin widmen würde. Ein Anwesender erwähnte, dass heute bereits viele ihre Prämie nicht bezahlen. Er befürchtet, dass sich dieses Problem noch verschlimmern könnte. Dem stimmte ein weiterer Votant zu. Er glaubt, dass man damit der nächsten Generation einen Bärendienst erweise. Der Wettbewerb untereinander würde fehlen, dies sei schlecht, gab einer der Anwesenden zu bedenken. Es brauche nicht unbedingt einen Wettbewerb, sondern gesunde Konkurrenz, wurde ihm darauf geantwortet. «Es liegt in der Natur der Sache: Wenn verschiedene Leute eine Aufgabe in Angriff nehmen, gibt es auch verschiedene Lösungen.» Die Tatsache, dass viele Politiker, die in Verwaltungsräten von Krankenkassen sitzen, sich nun gegen die Einheitskasse engagieren, stieg einem anderen Votanten sauer auf. Warum man denn die Prämien nicht regional, sondern kantonal regeln möchte, wollte einer wissen. Er kann nicht verstehen, dass dann beispielsweise in Rickenbach und Wil verschieden hohe Prämien entstünden. Eine Votantin wünschte sich, dass der Patient vom Arzt wieder vermehrt ganzheitlich betrachtet würde und dass dieses Anliegen in die Ausbildung neuer Mediziner integriert würde. Mit diesem Schlusswort wurde der interessante Abend beschlossen. Das Volk hat nun das letzte Wort, wenn es am 28. September über die Initiative abstimmt.

Aktuelle Nachrichten