Schulstoff lernen am Küchentisch: Der Fernunterricht stellt Schüler und Eltern vor Herausforderungen – er bringt aber auch Schönes

Seit zweieinhalb Wochen lernen Kinder im Fernunterricht. Eine Familie aus Gais ist im organisierten Chaos täglich neu gefordert.

Mea McGhee
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Fernunterricht am Küchentisch: Sofia, Rafael und Lionel lösen Aufgaben, Mutter Sibylle Diem Rutz begleitet das Lernen ihrer Kinder.

Fernunterricht am Küchentisch: Sofia, Rafael und Lionel lösen Aufgaben, Mutter Sibylle Diem Rutz begleitet das Lernen ihrer Kinder.

Bild: PD

Viertklässlerin Sofia (10) arbeitet an ihrem Wochenplan, die jüngeren Brüder Rafael (8) und Lionel (7) schreiben etwas in ihr neues Tagebuch. Der Küchentisch ist für die drei Kinder der Familie Rutz-Diem aus Gais zum Miniaturschulzimmer geworden. Seit zweieinhalb Wochen haben sie keinen Präsenzunterricht mehr. Der Alltag der fünfköpfigen Familie hat sich auch dadurch stark verändert.

Alles unter einen Hut bringen

Vater Michael Rutz arbeitet noch immer mehrheitlich ausser Haus als Bauführer, ist unter anderem verantwortlich für die Sicherheit der Mitarbeitenden einer Baufirma. Dienstags ist er wie vor Ausbruch der Coronakrise für Haushalt und Kinderbetreuung zuständig. Mutter Sibylle Diem Rutz bringt Familienarbeit, Haushalt und ein Teilzeitpensum als Primarlehrerin in Speicher unter einen Hut. Sie sagt:

«Es ist ein bisschen so, wie als die Kinder klein waren. Man ist immer dran, hat kaum Zeit für sich.»

Keine Schule, keine Musikstunden, kein Fussballtraining, keine Besuche bei Freunden oder Grosseltern. Durch die Coronaverordnung haben sich die Alltagsstrukturen der fünfköpfigen Familie sozusagen aufgelöst. «Wir müssen erst neue schaffen», sagt Sibylle Diem Rutz.

Gingen die Kinder vor dem Lockdown alleine auf den Sportplatz, müssen sie nun begleitet werden. «Sonst lässt sich nicht kontrollieren, dass die Fünfpersonenregel eingehalten wird», so die Mutter. Auch das Spielen im Quartier brauchte neu Regeln: Am Pingpongtisch etwa vergnügen sich jeweils nur Mitglieder einer Familie. Der veränderte Alltag bringe auch Schönes: Sohn Rafael koche zum Beispiel oft. Das gemeinsame Backen, Spielen oder Puzzlen schätzt Sibylle Diem sehr.

Aufgaben per Mail, Material per Post

Die Schule Gais habe sehr schnell auf die bundesrätliche Verordnung vom 13. März reagiert: Zwei Tage später war eine Onlinelösung eingerichtet und Aufträge für die ersten Schultage zu Hause wurden noch am Sonntagabend erteilt. Per Post kam dann am Donnerstag das restliche Schulmaterial bei der Gaiser Familie an. Sibylle Diem Rutz findet:

«Die Lehrerschaft hat alles gut aufgegleist.»

Die beiden Buben haben ein Kunterbuntheft erhalten mit Übungen zu sämtlichen Schulfächern, und Viertklässlerin Sofia bearbeitet den Schulstoff bis zu den Frühlingsferien mit Hilfe eines Wochenplans. Sie sagt: «Das ist neu für mich. Ich mag es, meine Lernzeit frei einzuteilen und habe mehr Zeit zum Lesen und zum Spielen.» Dennoch hofft Sofia, dass die Schule bald wieder aufgeht.

Es gibt keine Vorgabe über die tägliche Unterrichtszeit. «Manchmal muss ich die Kinder motivieren, dranzubleiben», sagt die Mutter. Die Konzentration sei bei allen aber recht gut. Es komme auch vor, dass ein Kind eine Bastelarbeit beginne und die anderen diese dann auch machen wollen.

«Es ist anspruchsvoll, allen gerecht zu werden, alles zu koordinieren und die Übersicht zu behalten.»

Der Tagesplan wird gemeinsam erstellt

Unter der Woche stehen Mutter und Kinder um 7.30 Uhr auf. Nach dem Frühstück erstellen sie gemeinsam einen Tagesplan. Dieser enthält nebst dem Fernunterricht auch Arbeiten im Haushalt, Zeit, um das Musikinstrument zu üben oder um zu spielen. «Und wir turnen und tanzen jeden Morgen zusammen, nach einer Online-Anleitung der Schwiizergoofe», erzählt die Mutter. Nach dem Mittagessen hat Familie Rutz-Diem ein Lesefenster eingerichtet. Jeder sucht sich ein bequemes Plätzchen, kommt zur Ruhe und liest.

Ein Höhepunkt für die Kinder ist es stets, wenn sie mit dem Velo zum Beck fahren und den Grosseltern das Brot bringen dürfen. Der Schwatz am Gartenzaun ist wertvoll. Das Gemeinschaftsgefühl kommt auch beim abendlichen Jassen zum Tragen, das die Familie neu pflegt. Dabei zählen die Kinder ihre Punkte selber zusammen. Eine Rechenübung, die nicht nach Schule riecht. In diese Kategorie fällt auch das Kochen. Hier lesen die Kinder die Rezepte.

Die Stimmung schwankt bei allen Familienmitgliedern

Trotz guter Organisation, die Stimmung aller Familienmitglieder schwanke. «Manchmal muss ich Dampf ablassen», sagt die Mutter. «Wir streiten wohl häufiger als sonst», räumt Sofia ein, dann müsse das Mami schlichten. «Manchmal ist es läss, manchmal doof», ergänzt Rafael. Erstklässler Lionel meint:

«Es ist blöd und cool. Ich kann mehr spielen, vermisse aber die Schule und die Gspänli.»

Die Lehrpersonen der drei Primarschüler melden sich ab und zu: Sofias Lehrerin hat zweimal angerufen und auch mit dem Mädchen gesprochen. Ihre Brüder erhalten stets ein Tagesrätsel und nachmittags die Lösung. Angst, dass die Kinder zu wenig lernen, hat die Mutter nicht. Lionel zum Beispiel habe das freie Lesen entdeckt, und der Alltag biete viele Lernfenster.

Als Lehrerin hat sie «Sprechstunde»

Dennoch, die Mutter erlebt unterschiedliche Phasen: «Ich bin hin- und hergerissen. Es nervt, dass ich keine Zeit für mich habe. Keine Zeit, auf dem Instrument zu spielen. Und die Arbeit ausser Haus vermisse ich.» Regelmässig hat Sibylle Diem «Sprechstunde» in ihrer Funktion als Primarlehrerin.

«Alles vermischt sich, auf allen Kanälen werde ich kontaktiert.»

Von den Lehrerinnen ihrer drei Kinder, von den Kindern ihrer Schulklasse, von deren Eltern, von ihren Teamkolleginnen an der Schule Speicher.

Das Chaos zu koordinieren, sei eine stete Aufgabe, so Sibylle Diem. Sollte der Lockdown länger dauern, müsste die Familie wohl ihren Coronaalltag justieren, damit alle genügend Freiräume haben. In einem sind sich alle Familienmitglieder einig – die zusätzliche gemeinsame Zeit ist schön.

Zu Hause gibt es Unterricht, aber keine Schulnoten

Die Aargauer Schulen machen sich bereit für den Fernunterricht, der nach den Frühlingsferien starten soll. Der Regierungsrat macht zwar Vorgaben, überlässt den Schulen aber die Verantwortung bei der Gestaltung des Unterrichts.
Eva Berger

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