Lehrersein – Leerersein

«Es war einmal ein Gummiband, nennen wir es Gunter. Gunter war zuverlässig, flexibel und in der perfekten Form – kreisrund. Eines Tages lernte er jemanden kennen und verliebte sich. Sie mochte Gunter, hätte ihn aber lieber als Quadrat gehabt.

Erich Fässler
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Bild: Erich Fässler

Bild: Erich Fässler

«Es war einmal ein Gummiband, nennen wir es Gunter. Gunter war zuverlässig, flexibel und in der perfekten Form – kreisrund. Eines Tages lernte er jemanden kennen und verliebte sich. Sie mochte Gunter, hätte ihn aber lieber als Quadrat gehabt. Um seiner Geliebten zu gefallen, versuchte Gunter ein Quadrat zu werden. Egal, was er tat, er sprang immer wieder in seine ursprüngliche Form zurück. In seinem Dilemma sah er nur noch einen Ausweg: Er nahm vier Nägel, rammte sie in ein Brett und spannte sich daran auf. In letzten angespannten Zuckungen erkannte er seinen Fehler: Er war jetzt zwar ein Quadrat, hatte aber keinerlei Bewegungsfreiheit mehr. Er war für immer gefangen.»

Solche Texte sind eine Wohltat. Sie lesen zu dürfen, ein Privileg. Da zählt doch nur Lob – denn eine Note greift zwangsläufig zu kurz. Lob und Ermunterung weiter zu schreiben, um die Welt zu fassen zu kriegen.

Als Lehrperson nehmen wir uns oft viel zu wichtig, verstehen uns zu wenig als Trainerin oder als Motivator, sondern als Kritiker oder vermeintlich Liebende, nach deren Wünschen Gunter sich zu verbiegen hat. Will auch heissen, wir verteilen Zuneigung, die wir gleichzeitig selber suchen. Gottlob zeigt uns Gummi-Gunter, was Sache ist.

Aufforderung zur Selbstverleugnung aus falsch verstandener Liebe, aus falscher Erwartungshaltung – Erwartung zur Nachahmung unsereiner! Ein Schwachsinn – aber durchaus real – auch in der Schule. Und warum das alles? Weil wir gefangen sind, nicht in der Liebe, sondern im Vorurteil oder gar in der Selbstüberschätzung. Schön, dass kleine Texte, wie der von Belinda, uns zeigen, dass wir eben doch leerer sind, als wir meinen. Und Lernende so lebensweise, dass sie unsere Lehrer sein könnten, wenn wir es denn zulassen…