Lebhafte Lesung im Casino

«Ich bin schwul, ich bin süchtig, ich bin ein Genie» – erfolgreiche Matinee der Casino Gesellschaft in Herisau.

Markus Merz
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Herisau. «Ich war jeweils so erschöpft vom Schreien, dass ich auf dem Teppich vor der Türe zusammenbrach und einschlief. Jeder Tag war ein Alptraum, weil ich Angst hatte, Mum würde mich verlassen, wenn es dunkel würde. Ich hatte eine tiefsitzende Angst, verlassen zu werden, und ich erinnere mich an meine früheste Kindheit als eine Zeit, die ich praktisch in ständiger Spannung und Angst gelebt habe.»

Diese Erinnerung von Truman Capote (1924–1984) an seine Kindheit lässt erahnen, dass aus diesem vernachlässigten, sich nach Liebe sehnenden Kind einst eine spezielle Persönlichkeit erwachsen würde. Schon in seinen Teenagerzeiten stand er selbstbewusst zu seiner Homosexualität und wurde ein bekennender Exzentriker, ein faszinierender und sarkastischer Geschichtenerzähler, und wo er auftauchte, wurde er von Leuten umringt. Truman wurde zum eigentlichen Garant für gute Unterhaltung.

Die Kombination von kindlichem Aussehen, Fistelstimme und messerscharfer Erwachsenenintelligenz machte ihn faszinierend für andere. Er bewegte sich unter den Schönsten und Reichsten und rang ihnen die intimsten Geheimnisse ab, die er in seinem unvollständigen und post mortem erschienenen Roman «Answered Prayers» niederschrieb.

Gut besetzter Saal

Das Publikum im fast voll besetzten Saal 1 im Cinetreff in Herisau durfte gespannt sein, wie ein solcher Charakter im Rahmen einer Matinee der Casino Gesellschaft dargestellt würde. Dieser Aufgabe nahmen sich Diana Dengler und Bruno Riedl – beide vom Stadttheater St. Gallen – mit offensichtlicher Freude an. Eine gesunde Portion Ironie unterstrich die ernsthafte und in gewissem Sinne tragische Persönlichkeit des Truman Capote.

Die beiden Lesenden unterstrichen den Text mit gut dosiertem Mimenspiel, was der Lesung die nötige Lebhaftigkeit verlieh.

Und dank des sorgfältig ausgewählten und zusammengestellten Textes von Nadja Rechsteiner wurde es den Zuschauern während der gut eine Stunde dauernden Matinee zu keiner Zeit langweilig. Abwechselnd erzählten die beiden Schauspieler aus dem Leben von Truman Capote oder ermöglichten in Interviewform oder mit Hilfe von Zitaten einen Einblick in den

Genius von Capote, der selber von sich sagte: «Ich bin schwul, ich bin süchtig, ich bin ein Genie.»

Nächste Matinee im April

Die nächste Matinee trägt den spannenden Titel «Literatur aus dem Exil» und findet am Sonntag, 25. April, in der Bibliothek in Herisau statt.

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