Lebensglück mit Tabak und Gold: Sonderausstellung in Heiden gibt Einblick in das Leben von Ausserrhoder Kolonialhändlern

Auf dem Henri-Dunant-Platz in Heiden ist eine Plakatausstellung zu Ausserrhoder Kolonialhändlern zu sehen. Sie soll einen Vorgeschmack auf die eigentliche Ausstellung bieten, die am 19. Juni im Museum Heiden eröffnet wird.

Astrid Zysset
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Marcel Zünd, Leiter Museum Heiden, Ralph Harb, Kurator, und Stefan Sonderegger, Präsident des Historisch-Antiquarischen Vereins, bei der Ausstellungsbegehung auf dem Henri-Dunant-Platz.

Marcel Zünd, Leiter Museum Heiden, Ralph Harb, Kurator, und Stefan Sonderegger, Präsident des Historisch-Antiquarischen Vereins, bei der Ausstellungsbegehung auf dem Henri-Dunant-Platz.

Bild: Astrid Zysset

Johannes Küng-Mösli (1836–1908) führte ein gutbürgerliches Leben in Heiden. Er leitete die Pension Paradies am Postplatz, war verheiratet, hatte drei Töchter und war Mitglied des Gemeinderates. Um 1870 erreichte ihn ein Schreiben seines Bruders Hermann Küng-Ganno (1842–1871), der auf Sumatra eine Tabakplantage betrieb. Hermann führte aus, dass er das grosse Geld mache. Johannes Küng-Mösli zögerte nicht lange, brach seine Zelte in Heiden ab und zog nach Sumatra. Was ihn dort erwartete, damit hatte er allerdings nicht gerechnet. Sein Bruder Hermann war Opfer eines Raubmordes geworden, und der neu angekommene Johannes hatte grosse Mühe, die Plantage wieder unter Kontrolle zu bringen.

Das Leben auf Sumatra war nicht einfach. Die kolonialen Strukturen der Niederländer hatten noch nicht in allen Landesteilen gegriffen, Tropenkrankheiten und Auseinandersetzungen mit einheimischen Ethnien waren allgegenwärtig. Doch Johannes Küng-Mösli setzte sich durch. 1881 kam er zurück nach Heiden – mit einer Python im Gepäck –, legte sich zu Hause einen Garten mit exotischen Pflanzen an und starb schliesslich 1908.

Den Lebensabend in der Heimat verbringen

«Die Python allerdings hat bereits den ersten Winter hier in Heiden nicht überlebt», sagt Museumsleiter Marcel Zünd. Ein Präparat des Tieres ist im Museum ausgestellt. Und auch ein Batakhaus soll Küng-Mösli der Überlieferung nach ins Appenzellerland transportiert haben. Zu Gesicht bekam es jedoch nie jemand. So oder so: Die Biografien der Ausserrhoder Kolonialhändler könnten spannender kaum sein. In einer Sonderausstellung werden deren vier aufgearbeitet. Neben den Brüdern Küng machte auch Johann Conrad Sonderegger (1834–1885) sein Vermögen in der Ferne. Er allerdings handelte mit Zucker und Kaffee. Und Johann Traugott Zimmermann-Sonderegger (1854–1918) zog Gewinn aus dem Geschäft mit Textilien und Goldminen. Nur zwei von den Vieren kamen im späteren Verlauf ihres Lebens wieder nach Europa respektive Heiden zurück. Johann Conrad Sonderegger überlebte seine Heimreise nicht. In Amsterdam erwachte er nach einer Leberoperation infolge einer Malariaerkrankung nicht mehr.

Vorgeschmack auf eigentliche Ausstellung

Das Museum Heiden verfügt über eine ansehnliche ethnografische Sammlung mit Objekten aus «Niederländisch-Indien» (heutiges Indonesien) aus dem späten 19. Jahrhundert. Diese beinhaltet Waffen, Gefässe, Schmuck, Fotos. «Wir wollten schon länger etwas daraus machen», sagt Stefan Sonderegger, Präsident des Historisch-Antiquarischen Vereins. Die Idee zur Sonderausstellung wurde nun umgesetzt. Verantwortlich dafür war Ralph Harb, Gestalter und Vorstandsmitglied des Museums. Coronabedingt findet die Ausstellung vorerst allerdings unter freiem Himmel statt. «Wir bieten damit einen Vorgeschmack auf das, was noch folgt», sagt Museumsleiter Marcel Zünd. Vorgesehen ist, dass am 19. Juni die gesamte Ausstellung «Ferne Welten – fremde Schätze» im Museum zugänglich gemacht wird.

Insgesamt 14 Plakate mit biografischen Angaben zu den Ausserrhoder Kolonialhändlern sind zu sehen.

Insgesamt 14 Plakate mit biografischen Angaben zu den Ausserrhoder Kolonialhändlern sind zu sehen.

Bild: PD

Die meisten Museen setzen aufgrund der Pandemie auf digitale Lösungen, um den Besucherinnen und Besuchern einen Einblick in ihre Sammlungen zu ermöglichen. Das Museum Heiden schlägt einen anderen Weg ein. «Von digitalen Angeboten hat man irgendwann genug», so Sonderegger weiter. «Wir wollten etwas Besonderes bieten und realisierten darum die Open-Air-Ausstellung.»

Die Schweiz und ihre Rolle im Kolonialismus

Zu sehen sind auf dem Henri-Dunant-Platz 14 Plakate. Sie erzählen die Biografien der vier Ostschweizer «Indien-Gänger», die auf Java und Sumatra lebten. Ihre Lebenswege sollen das Schweizer Unternehmertum in den kolonialen Strukturen der damaligen Zeit veranschaulichen. Die Schweiz war stärker in den Kolonialismus involviert, als gemeinhin angenommen wird. Auch im kolonialen Solddienst waren Schweizer unterwegs, so auch viele in niederländischen Diensten. Vor allem wirtschaftlich profitierten viele, indem sie im Textilhandel mitwirkten oder Plantagen betrieben. Die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte aus Ausserrhoder Sicht schliesse eine Lücke in der Geschichtsforschung, ist sich Sonderegger sicher. Die Museumssammlung wurde mit Leihgaben ergänzt, welche von den Nachkommen der vier Kolonialhändler zur Verfügung gestellt wurden. Finanzielle Unterstützung leisteten die Gemeinde, der Kanton und die Fred-Styger-Stiftung.