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LEBENSGESCHICHTE: Von der Kindheit gezeichnet

Rosa Spiess hat ihre Kindheit in Teufen in einem Buch verarbeitet. Dieses ist nun erschienen und offenbart eine Leidensgeschichte. Eine, die bis heute ihre Spuren hinterlassen hat.
Astrid Zysset
Rosa Spiess lebt heute mit ihrem Mann in Arbon. (Bild: PD)

Rosa Spiess lebt heute mit ihrem Mann in Arbon. (Bild: PD)

Astrid Zysset

astrid.zysset@appenzellerzeitung.ch

Wie ein Tagebuch liest es sich. Dabei hätte sie nie etwas aufgeschrieben gehabt, so Rosa Spiess. «Es ist alles noch so präsent in meinen Erinnerungen», seufzt sie. Alle Entbehrungen, Missbräuche, Schläge und die Worte, die sich in ihre Seele brannten: Sie sei ein ungewolltes Kind. Ihr Vater habe ihr das während ihrer Kindheit fast jeden Tag gesagt. «Weisch, Chindli, wir wollten dich eigentlich nicht mehr. Aber jetzt ist es gut, dass du hier bist und mir helfen kannst.» Von schwerer Krankheit gezeichnet, hatte sich der Vater jeweils auf der kleinen Rosa abgestützt, um aufstehen zu können. Heute ist ihr Rücken kaputt. Hart arbeiten musste sie jeden Tag, ihren Vater pflegen. Die Familie lebte unter ärmsten Bedingungen. All ihre Kindheitserinnerungen hat Rosa Spiess nun niedergeschrieben. «Guggerchlee & Habermarch» beschreibt ihre leidvolle Lebensgeschichte – bis heute. «Das Schreiben war wichtig für mich, um Distanz zu gewinnen», sagt die 68-Jährige. Um alles zu verarbeiten. «Es ist belastend. Jeden Tag wurde einem gesagt, dass man unerwünscht sei. Das bleibt lange hängen.»

Nie über Probleme gesprochen

Rosa Spiess kam in Gais als viertes Kind auf einem entlegenen Hof zur Welt. Ein halbes Jahr später zog die Familie über den Gäbris zur Südseite des Berges, hinauf nach der Unteren Waldstatt und wiederum einige Jahre darauf weiter auf einen Bauernhof nach Teufen. Die Häuser seien immer abgelegen gewesen, damit die Miete nicht zu hoch war. Der Vater war aufgrund von Kinderlähmung halbseitig gelähmt, arbeitete am Webstuhl im hauseigenen Keller. Die Mutter kümmerte sich um die Kinder. Bis, ja bis den Vater 1956 der erste Hirnschlag ereilte. Rosa Spiess war damals mit ihm unterwegs. Sie erinnert sich, dass er plötzlich «einfach umgefallen und im Strassengraben liegen geblieben war». Das kleine Mädchen war irritiert, wusste nicht, was los war. «Bei uns wurde nie über Probleme geschweige denn Vaters Krankheit gesprochen. Wenn ich es mal versuchte, hatte Mutter abgeblockt.» Als der Vater ganzseitig gelähmt war, musste sich Rosa um ihn kümmern. Ihre Mutter ging zum Putzen in verschiedene Haushalte. «Ihre Naivität hat ihr wohl geholfen, das alles durchzustehen», lächelt Rosa Spiess heute. Wenn sie sich differenzierter mit ihrer Lebenssituation auseinandergesetzt hätte, wäre sie wohl gegangen. «So gesehen, muss ich ihr ein grosses Lob aussprechen.»

Dass sie dazu imstande ist, ist nicht selbstverständlich. Das Verhältnis zu ihren Eltern war nie einfach. Rosa Spiess berichtet von einem herzlosen Zuhause, von Schlägen durch den jähzornigen Vater. Trotzdem habe sie ihn auch gerne gehabt. «Ich war, da ich ihn ja pflegen musste, ja ständig um ihn rum.» Die Beziehung zur Mutter hat sich erst in deren letzten Lebensjahren entspannt. Durch Distanz zu den Geschehnissen und eigene Erfahrungen. Heute könne sie das Ver- halten ihrer Mutter besser nachvollziehen. So auch, warum sie, durch eine Knieoperation 1956 acht Wochen im Spital gelegen, Rosa und ihre ältere Schwester, damals acht und zwölf Jahre alt, die ganze Zeit über alleine zu Hause liess. Nur ab und zu kam die ältere Schwester vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Ansonsten waren die beiden Mädchen alleine. Die Mutter hatte niemanden über die Situation daheim aufgeklärt, da sie Angst hatte, dass die Kinder ins Heim kämen. Einerseits verständlich. Aber Rosa Spiess sagt auch: «Eigentlich ist es ein Wunder, dass wir überlebt hatten.»

Von der Seele geschrieben

Heute wohnt die 68-Jährige zusammen mit ihrem Mann in Arbon. «Hier gefällt es uns», lächelt sie. Obwohl hier auch ihr ehemaliger Schwager lebte. Im Alter von 12 bis 16 Jahren wurde Rosa Spiess von ihm sexuell missbraucht. «Ab und zu bin ich ihm hier über den Weg gelaufen. Geredet haben wir aber nicht.» Vor einem halben Jahr starb er schliesslich. Nach einer Pause fügt Rosa Spiess an: «Eigentlich war es der grösste Fehler, wieder in die Schweiz zurückzukehren.» Mit 18 Jahren reiste sie nämlich für einige Zeit nach Schweden, lernte dort ihren jetzigen Mann kennen. Und war das erste Mal richtig glücklich. «Ich konnte alles hinter mir lassen.» Für die Hochzeit kam das Paar dann aber doch zurück. Und blieb. Zwei Kinder kamen zur Welt. Das Verhältnis zum jüngeren sei nicht einfach, dasjenige zum älteren auch nicht. Eine Drogenvergangenheit hätte jener. Der Jüngere hatte darum den Kontakt zu ihm abgebrochen. Rosa Spiess leidet heute unter Weichteilrheuma, Diabetes, Arthrose, hohem Blutdruck, der Autoimmunkrank- heit Sjögren-Syndrom wie auch unter einer unheilbaren Lungenfibrose. «Manchmal frage ich mich schon, habe ich noch nicht genug durchgemacht?» Vor sieben Jahren begann sie ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Jetzt ist sie froh, das Buch vor sich zu haben. «Abschliessen kann man mit der Vergangenheit wahrscheinlich nie. Aber das Schreiben hat trotzdem gut getan!» Ihr Bruder ist mittlerweile gestorben, mit ihrer älteren Schwester ist Rosa Spiess zerstritten. «Wegen allem», winkt sie ab. Nur mit der jüngeren Schwester tauscht sie sich noch aus. Gelesen hat jene das Buch aber noch nicht. Angst vor ihrer Reaktion hat Rosa Spiess nicht. «Von dem ‹verschüpften› Mädchen, das ich war, ist heute nichts mehr übrig. Heute gehe ich meinen eigenen Weg.»

Hinweis Das Buch ist erhältlich unter 071 446 54 58 oder per E-Mail roesli_heckly@gmx.ch

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