Leben zwischen Hoffen und Bangen

EBNAT-KAPPEL. Sie flohen vor dem Bürgerkrieg, überlebten Strapazen auf der Flucht und hoffen nun in Ebnat-Kappel auf eine bessere Zukunft. Osman und Muxdin leben derzeit mit weiteren Asylbewerbern im Stüssihaus. Ihr Herzenswunsch: fixes Asyl und eine Beschäftigung.

Roland Lieberherr
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Endlich mobil dank zweier Fahrräder: Die jungen Somalier Osman (links) und Muxdin (rechts) freuen sich über die gelungene Überraschung. Im Hintergrund Huli Bolt. (Bild: Roland Lieberherr)

Endlich mobil dank zweier Fahrräder: Die jungen Somalier Osman (links) und Muxdin (rechts) freuen sich über die gelungene Überraschung. Im Hintergrund Huli Bolt. (Bild: Roland Lieberherr)

Ein abgenutzter Tisch, ein kleines Sofa, ein schiefer Stuhl – darauf eine qualmende Wasserpfeife. Osman macht sie aus, blickt in der kargen Stube umher. «Strom, Wasser, Gasherd – wir haben es gut hier», sagt der 23-Jährige und lächelt. Der Boden knarrt, Farbe blättert von den Wänden ab, die Zimmer sind spärlich eingerichtet. «Jeder hat ein eigenes Bett. Das ist schon viel, wir haben es gut», wiederholt der junge Somalier. Er wohnt momentan im Stüssihaus in Ebnat-Kappel – zusammen mit sechs weiteren Asylbewerbern. Vier stammen ebenfalls aus Somalia, einer aus Sri Lanka, einer aus dem Sudan. Alle geflüchtet aus ihrer Heimat. «Der Bürgerkrieg in Somalia ist grausam. Die verschiedenen Clans bekämpfen sich – fast täglich gibt es Schiessereien und blutige Kämpfe im Dorf», erklärt Osman nachdenklich. Er spricht nicht gern darüber. Zu sehr schmerzen die Erinnerungen.

Hunger und Tod als Begleiter

Im Sommer 2014 hielten es Osman und Muxdin nicht mehr aus, verliessen die vom Bürgerkrieg gezeichnete Heimat. Via Libyen und Italien kamen sie in die Schweiz. Nicht gleichzeitig, aber beide mit gleichen Erfahrungen. Tagelang tuckerten sie zusammengepfercht mit anderen Flüchtlingen auf klapprigen Lastwagen über Land. «Ein Stück Brot und zwei Schluck Wasser mussten für zwölf Stunden ausreichen», erzählen beide.

Der Hunger und die Ungewissheit über die eigene Zukunft zehrten an den Kräften. Hinzu kamen allgegenwärtige Gefahren: Krankheiten, Überfälle durch Terroristengruppen – der Tod als ständiger Begleiter. Mit Schleppern kamen sie übers Mittelmeer, in einer vollgestopften «Nussschale» mit rund 100 Personen. Nach rund sieben Monaten Strapazen erreichten beide die Schweiz. Mitten im Gespräch glätten sich plötzlich die Stirnrunzeln der beiden. «Hier kommt unser Mann.» Ihre Augen leuchten, als Huli Bolt den Raum betritt. Das Mitglied der evangelischen Kirchenvorsteherschaft (KiVo) betreut die jungen Männer, seit sie Anfang Oktober ankamen. «Als ich die Bilder der Flüchtlingsströme Richtung Europa sah, war für mich klar, ich muss etwas tun», erklärt Bolt. «In Syrien oder Somalia kann ich nicht helfen – aber hier vor Ort sehr wohl.»

Gratis ins Internet

Gedacht, getan. Bolt informierte die KiVo und die politische Gemeinde über seine Pläne und erhielt volle Rückendeckung. Seither steht den Asylbewerbern im evangelischen Kirchenzentrum ein Laptop zur Verfügung, und sie dürfen dort kostenloses WLAN nutzen. «Eine grosse Erleichterung. So können wir Kontakt halten mit unseren Familien, uns informieren über die Entwicklung in der Heimat oder einfach mal Musik hören», schwärmt Muxdin.

Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn im Stüssihaus gibt es weder Telefon- noch Internetanschluss. Und zu Beginn waren auch die Heizung und die Waschmaschine defekt. Bolt reparierte und organisierte. «Jetzt läuft alles wieder», sagt er zufrieden. Auch dank der Kooperation mit der Gemeinde. Sie ist für die Unterbringung der Asylsuchenden zuständig und stellt die finanziellen Mittel bereit. 400 Franken monatlich erhalten die Männer für den Lebensunterhalt.

«Die jungen Männer sind auf sich allein gestellt, bestreiten den gesamten Haushalt selber», ergänzt Bolt. Dann zieht er einen elektrischen Haarschneider aus der Tasche – und löst damit in der Stube freudiges Glucksen aus. Dankbar nehmen die Somalier das Geschenk an. Und flachsen darüber, wer nun welche Frisur bekommen soll. Bolt nimmt es schmunzelnd zur Kenntnis.

Sinnvolle Beschäftigung gesucht

Denn er hat noch eine grössere Überraschung in petto. Vor dem Kirchenzentrum übergibt er den Asylsuchenden zwei ältere, aber funktionstüchtige Velos. «Huli meint es gut mit uns. Wir haben grosses Glück», sagt Osman mit leuchtenden Augen. Freudestrahlend schwingen sich die Männer auf die Fahrräder und kurven mit breitem Grinsen für eine Testfahrt davon.

Bolt, der einst zwei Jahre als Entwicklungshelfer in Afrika tätig war, weiss, was den Männern hier am meisten fehlt. «Sie brauchen Winterkleider. Und eine geregelte Tagesstruktur.» Aufgrund ihres Aufenthaltsstatus dürfen sie weder arbeiten noch Lohn beziehen. «Doch einen Tag pro Woche können sie einer Beschäftigung nachgehen», weiss Bolt. So halfen einige Männer bereits als Handlanger bei einer Hausrenovation oder beim Holzstapeln mit. Und bekamen dafür ein kleines Sackgeld.

«Es wäre schön, wir könnten öfter arbeiten», betont Muxdin. Ebenso eine willkommene Abwechslung sei der Deutschunterricht, den die Chrischona-Gemeinde im Ort anbietet (siehe Kasten). «Die Sprache zu lernen macht Spass», lacht der 23-Jährige. «Grüezi – beim Einkauf kann ich mich schon ein bisschen verständigen.» Und vielleicht bald mehr: Denn Bolt sucht nach einer Lösung, dass die Asylbewerber täglich Deutsch lernen können. «Das wäre sinnvoll und würde ihren Alltag etwas strukturieren.»

Ungewisse Zukunft

Denn dieser ist geprägt von Langeweile, Bangen und Hoffen: Wie überbrücke ich den Tag? Wie geht es der Familie? Erhalte ich bald eine Aufenthaltsbewilligung? Ein stetes Wechselbad der Gefühle. «Unser Traum ist es, hier bleiben zu können und bald zu arbeiten – ganz egal was», bringen der studierte Tierarzt Muxdin und der ausgebildete Taxifahrer Osman ihre Hoffnungen auf den Punkt.

Wie lange noch und ob sie überhaupt in der Schweiz bleiben dürfen, ist indes völlig ungewiss. Beide haben lediglich den Ausweis N. Dieser berechtigt zum Aufenthalt im Land, solange das Asylverfahren läuft. Und was, wenn sie nicht als Flüchtlinge anerkannt werden und das Land verlassen müssen? Beide zucken nur mit den Schultern: «Keine Ahnung. Das werden wir dann sehen.»

Hilfe ist willkommen: Die Asylbewerber in Ebnat-Kappel benötigen insbesondere diverse Winterkleider (Grössen 44-56) sowie Winterschuhe (40-44). Daneben würden sie sich über Teppiche, Wolldecken und Gesellschaftsspiele (Fussbälle, Spielkarten) freuen. Und vor allem über eine Beschäftigungsmöglichkeit. Wer in diesen Bereichen Hilfe bieten kann, meldet sich direkt bei Huli Bolt unter: bolthuli@thurweb.ch.

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