Laubsägen mit Handschuhen

Brosmete

Lukas Pfiffner
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In unserem Schulhaus haben wir seit kurzem eine ganz spezielle Kunst. Freundliche Handwerker haben an zwei Mittwochnachmittagen das hölzerne Treppengeländer durchgehend mit einem metallenen Zusatz ergänzt. Dieser kommt ästhetisch vom Allerfeinsten daher: Die Stangen strahlen ungefähr den Charme eines Gefängnisses oder eines Krans aus den Sechzigerjahren aus.

Das Geländer entspricht offenbar erst dank dieser Ergänzung bis auf die hinterste Stelle nach dem Komma den Höhenanforderungen des Bundesamtes für SITGIS (Sichere Treppengeländer in Schulen). Oder so ähnlich. Die Notwendigkeit ist unbestritten, schliesslich sind in den weit über 100 Jahren, in denen unser Schulhaus steht, jeden zweiten Tag mindestens fünf Kinder am Geländer hochgeklettert und erbärmlich in die Tiefe gestürzt. Die Gefahr lauert aber an weiteren Orten. Wir haben unser Schulhaus gründlich untersucht und kommen zum Schluss, dass andere Massnahmen auch mit hoher Priorität umgesetzt werden müssen. Die Angst vor den Anwälten der Eltern ist allgegenwärtig. Zum Beispiel befindet sich das Finkengestell in der Garderobe zu weit unten. Es könnten gehäuft Rückenschmerzen auftreten: Wir lassen die Kinder nun mit dreckigen Schuhen in den Zimmern umhergehen.

Die Laubsägeblätter sind zu scharf – unverständlich bis unverantwortlich, dass wir nicht früher darauf gekommen sind. Unsere von klaffenden Wunden bedrohten Schülerinnen und Schüler müssen ab sofort zum Laubsägen Grillhandschuhe tragen. Der Ringmechanismus in den Ordnern hat eine zu hohe Schnappgeschwindigkeit: Die Einklemmgefahr für diverse Körperteile ist extrem! Wir bewahren deshalb nichts mehr auf. Wenn ein Thema abgeschlossen ist, werfen wir neuerdings alle beschriebenen und bemalten Blätter ins Altpapier.

Lukas Pfiffner